Woche 10 - 19.4.23

Hospitation Spitalschule Münsterlingen

Die Serie der Besuche in den thurgauischen Sonderschulen starte ich heute mit dem Besuch in der Tagesklinik des KJPD in Münsterlingen.
Um halb acht begrüsst mich mein SHP-Kollege im Haus Lutz 2 und führt mich direkt zur Kaffeemaschine, sehr sympathisch! Im Aufenthaltsraum der Lehr- und Therapiepersonen begegne ich Sozialtherapeuten, Sozialpädagogen, Heilpädagogen, Sozialarbeitenden, PraktikantInnen, Psychologinnen, ÄrztInnen und auch Lehrpersonen - einer bunten Mischung aus psychologischen, medizinischen und pädagogischen Fachleuten.

Das Angebot der Tagesklinik des KJPD Spital Thurgau ist sehr gut beschrieben auf der Homepage, das kann ich besser und präziser hier nicht wiedergeben!

https://www.stgag.ch/fachbereiche/kinder-und-jugendpsychiatrie/psychiatrische-dienste-thurgau/tagesklinik-kjpd/

Mein Kollege zeigt mir zuerst seinen hauptsächlichen Wirkungsort, das SHP-Zimmer, danach das Schulzimmer und die anderen Räumlichkeiten der Station Lutz 2 (benannt nach Prof. Dr. med. Jakob Lutz, Leiter der ersten kinder- und jugendpsychiatrischen Beobachtungsstation des Kantons Zürich, 1930). Die Räume, in denen früher die Ausbildungsstätte der Krankenschwestern untergebracht war, sind zahlreich, hell, praktisch und freundlich. Es gibt 4 Gruppen à 6-9 Kinder oder Jugendliche. Jeder Gruppe gehören Fachleute aus allen drei genannten Bereichen an, die sich fast in einer 1:1-Besetzung um die jungen Menschen kümmern. Es gibt einen grossen Musik-/Sport-/Gemeinschaftsraum, wo sich die Jugendlichen auch in der Mittagspause aufhalten dürfen. Dort stehen Instrumente zur Verfügung, ein Judo-Dojo ist ausgelegt und auch Hanteln zur körperlichen Betätigung liegen da bereit. Ausserdem können sich die Jugendlichen in Einzel- oder Kleingruppenbetreuung auch im Mal-/Kunstatelier, in der Holzwerkstatt oder in der Küche betätigen. Ein Ruheraum ist mit einem Teppich und einem Bett mit Kissen ausgestattet, hier dürfen sich die Jugendlichen nach Bedarf ausruhen, beruhigen, sich eine Auszeit nehmen, wenn sie das brauchen. Schubladen und Schränke sind nicht abgeschlossen, die Räume offen. Die Jugendlichen müssen, wenn sie hier sind, stabil genug sein, um sich und andere nicht zu gefährden. 
Bereits treffen die ersten Jugendlichen ein und machen es sich im Foyer auf den Sofas bequem. Zwei Sozialpädagogen spielen daneben Tischtennis, die Stimmung ist friedlich.  

Um 8:15 beginnt das ALT (Aufmerksamkeits- und Lerntraining), dem vier SchülerInnen beiwohnen. Die Jugendlichen sind freundlich und akzeptieren meine Anwesenheit, obwohl sie darauf nicht vorbereitet waren. Einer munteren Plauderei folgt nach der kurzen Erklärung zum Auftrag eine konzentrierte Arbeitsphase, in denen die Jugendlichen Arbeitsblätter aus einem Konzentrationstraining lösen. Danach folgt eine Phase der Zweierarbeit, in der sich die Jugendlichen mit Zahlenreihen abfragen. Danach folgt zur Auflockerung eine Spielrunde, in der Wortschatz und Schnelligkeit gefragt sind. Zum Schluss wird reflektiert, was gut gelungen ist in dieser Lektion und was weniger. Und da werden dann auch mögliche Gründe dafür genannt, sowie gute Strategien geteilt. Eine eindrückliche Offenheit und Reflektiertheit, die mir diese Jugendlichen zeigen.

Danach darf ich die Jugendlichen in ihr Klassenzimmer begleiten. Alle Schülerinnen und Schüler arbeiten an ihren individuellen Lern- und Förderplanzielen. Diese werden bei Eintritt in die Spitalschule aus den Berichten der abgebenden Schule, den Einschätzungen der Lehrperson sowie des Heilpädagogen vor Ort und der Jugendlichen selber festgelegt und alle vier bis sechs Wochen überprüft und angepasst. Die Schülerinnen und Schüler haben teilweise detaillierte Tages- und /oder Wochenpläne auf ihren Tischen liegen, andere verfügen über eine strukturierte selbständige Lernplanung online. Die Lehrperson begleitet die Jugendlichen auf dem Weg zur individuellen Zielerreichung, hilft, wenn nötig, gibt den Lernenden Inputs und motiviert und lobt sie für ihre Fortschritte. Die Stimmung ist ruhig und entspannt. Einige sind an den Stellwerktests, andere üben Französisch oder sind am Matheplan. Zwei der Jugendlichen sind nicht in der Klasse. Sie haben Küchendienst: in drei Lektionen wird das Menü erstellt und die Mengen berechnet, dann geht's mit dem Schulbus zum Einkaufen nach Kreuzlingen. Zurück in der Schulküche wird losgelegt, damit der Zmittag für die ca. 20 Personen pünktlich fertig wird. Es gibt gebratener Reis mit Gemüse und Poulet. Dazu werden vier verschiedene Salate zubereitet. Die Jugendlichen sind munter am Werk, es gibt Musik und fleissig werden Tomaten, Gurken, Kabis und Eier geschnetzelt. Ich darf mich dazugesellen und bin bald mit einem der Schüler beim Eierschälen in ein Gespräch über unsere Hobbies vertieft. Ich freue mich über sein Vertrauen und die Offenheit, die ich hier eigentlich so von den Jugendlichen nicht unbedingt erwartet hätte. 

Den Tag beschliesse ich mit einer Reflexionsrunde zusammen mit meinem SHP-Kollegen, der seit mehr als zehn Jahren in der Spitalschule gearbeitet hat und nun demnächst eine neue berufliche Herausforderung annehmen wird. 

Mir gefällt die Stimmung an der Schule und wie selbstverständlich und respektvoll der Umgang der Jugendlichen mit den Erwachsenen (und umgekehrt) ist. Die Lehr- und Therapiepersonen begrüssen die Jugendlichen freundlich und mit Namen.

Das interdisziplinäre Team trifft sich immer Anfangs für den Wochenüberblick und Mitte Woche zum Rapport. Alle tragen fortlaufend Beobachtungen zu allen Jugendlichen im Computer ein, so können jederzeit alle die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler der Tagesschule mitverfolgen. Die meisten Kinde und Jugendlichen bleiben vier bis sechs Monate in der Schule. 

Wenn ich den Stundenplan anschaue, ist dieser nicht so einfach zu verstehen: es gibt Lektionen, in denen alle da sind, aber in den meisten Lektionen fehlen diese und jede SchülerInnen wegen Therapie- und Einzelsitzungen bei Psychologin oder Ärzten. Die Lehrperson sollte den Überblick bewahren, um Jugendliche (vor allem am Anfang ihres Aufenthaltes) allenfalls zur rechten Zeit an den richtigen Ort zu schicken. Die vielen Termine zu bewältigen, scheint für die jungen Menschen hier eine gut zu bewältigende Aufgabe zu sein.

Der Übergang in die Regelschule oder eine andere Anschlusslösung wird gut eingeleitet, es gibt Lernberichte aufgrund der festgelegten Lernziele und es erfolgt in der Regel ein Übergabe-Gespräch, an welchem die Lehrperson der Spital- und der Regelschule, die SHP beider Schulen, die Schulleitung und eine Ärztin bzw. Psychologin teilnehmen. Dieses Gespräch findet entweder in der Tagesschule oder in der übernehmenden Institution statt. Oft ist die abgebende Schule auch wieder die aufnehmende. In diesem Fall ist es wichtig, auch das Umfeld, also die Klasse, gut auf den Wiedereinstieg vorzubereiten. In der Tagesklinik herrscht viel weniger Druck und es sind kleine Klassen von bis zu neun SchülerInnen. Der Kritik, dass schulisch nicht viel geleistet wird in der Spitalschule steht gegenüber, dass sich die Jugendlichen hier oft zuerst einmal vom Überstress in der Regelschule erholen müssen und dann meist grosse persönliche Fortschritte machen. Diese können im ganzen Prozess nicht ausser Acht gelassen werden und brauchen Zeit. Insofern ist eine "Auszeit" in der Tagesklinik oft dann doch zu kurz und die Gefahr besteht, dass diese wichtige Aufbau-Arbeit in der Regelschule wieder ab- und alte Muster schnell wieder aufgebaut werden. Die Umstellung in die Regelklasse ist heikel und muss gut begleitet sein, damit sie gelingt. 

Die Tagesschule im Spital Münsterlingen hat mich beeindruckt und ich bin sehr froh, die Möglichkeit bekommen zu haben, mir ein eigenes Bild davon machen zu können.