Woche 4 - Dienstag, 28.2.23

Ein weiterer voller Tag neigt sich dem Ende entgegen. Der Tag heute in der Schule beginnt mit etwas Verspätung, da der Fahrer im Stau steckengeblieben war. In der Schule angekommen, wird verhandelt, was ich machen kann. Der Schulleiter erklärt mir, dass ich die Englischlektion der 5. Klasse übernehmen darf und überreicht mir ein entsprechendes Textbuch und die Seite, wo ich weiterfahren soll. Im Lehrpersonen-Raum stellt sich dann aber heraus, dass ich die 4. Klasse übernehme und das Thema ist dann auch ein anderes. Anyway - ich bin ja sowieso nicht vorbereitet, darum ist der Wechsel wirklich kein Problem! Die Schülerinnen und Schüler sind sehr freundlich und arbeiten sehr gut mit. Das Lehrer-Buch gibt fast wortwörtlich vor, was die LP sagen muss und in sehr kleinen Schritten wird erklärt, was die Schülerinnen und Schüler zu tun haben. Unterrichten ist also wirklich einfach (mit der entsprechenden Erfahrung!). Die Lektion dauert bei den 4. - 8. Klässlern 35 Minuten. Das geht wie im Flug vorbei. Das einzige Medium im Schulzimmer ist die Wandtafel, die aus mit Wandtafelfarbe bemaltem Sperrholz oder Karton ist. Mit Wasser abwischen liegt also nicht drin, darum wird aus der schwarzen Tafel mehr und mehr eine weisse, auf der die Kreide kaum mehr zu lesen ist. Viele SchülerInnen verfügen über kein eigenes Textbuch, da sie aus sehr armen Verhältnissen kommen. Die Lehrperson gibt also ihr Buch in der Klasse herum, damit diese Kinder die Seite abschreiben können. 

Danach darf ich eine Englischlektion von Headteacher Jeremiah mitverfolgen in der 8. Klasse, das sind die ältesten Kinder der Schule. Es fällt mir auf, dass Lerninhalte und einzelne neue Worte oft wiederholt werden. Sowohl die Lehrperson selber als auch die SchülerInnen repetieren ständig den selben Satz oder die selben Worte allein oder im Chor. Dabei geht der Stoff in flottem Tempo vom einen zum nächsten Thema. Da wird von den SchülerInnen volle Konzentration verlangt. 

Nach den ältesten Kindern besuche ich die Jüngsten. Die Kindergärtler der Pre Primary 1 (PP1) sind 3-4jährig, die der PP2 4-5jährig. Ich finde es sehr erstaunlich, dass diese kleinen Menschen bereits sehr vertieft Zahlen und Buchstaben schreiben. Die Kleinen sind sehr offen und möchten mir am liebsten alle gleichzeitig  ihre Hefte zeigen. Die Lehrerin ist sanft mit ihren Schützlingen und fordert aber auch streng, dass alle Zahlen korrekt geschrieben sind. 

In der Pause gibt es für alle Kinder "Porridge". Das ist ein dickflüssiges, süssliches Getränk aus mit Wasser gekochtem Getreidemehl und etwas Zitronensaft und Zucker. Es sieht auf den ersten Blick aus wie Kakao und sättigt wirklich gut. 

Die PP1 und PP2- Klassen dürfen sich dann noch etwas austoben mit dem Springseil, das sie, nebst dem Fussball, über alles lieben. 

Am Nachmittag ist es dann vor allem sehr laut! Da die Lehrpersonen eine Sitzung haben, werden ein weiterer Volontär aus der Schweiz und ich damit betraut, die gesamte Schülerschaft für eine Stunde zu betreuen. Wir teilen die Kinder in zwei Gruppen auf: Die Kinder der PP1 - 3. Klasse werden von mir betreut. Die 4.- 8. KlässlerInnen betreut Yannic. Da wir weder vorbereitet sind noch irgendwelches Material zur Verfügung haben, ist totale Improvisation gefragt. Immerhin sind das ca. 45 Kinder, von 3 - 8 Jahren, die gespannt auf das warten, was da kommen mag. Musik ist die Lösung! Die Kinder aller Stufen dürfen sich auf ein Lied einigen, das dann gemeinsam gesungen wird. Wer sich jetzt ein eher verhaltenes Chörli vorstellt, irrt gewaltig! Da wird gesungen aus voller Brust, dazu gibt es Tänze und Gebärden und das rhythmische Klopfen auf den Tischen untermauert das Ganze. ES TÖNT SUPER, ABER LAUT!!!

Ich wage es, auch ein Lied aus der Schweiz mit den Kindern zu üben. Weil ich ja auch nicht so auf der Primarstufe bewandert bin, fällt mir gerade mal "Roti Rösli im Garte" ein... Das soll es also sein. Hört selbst, wie das tönt... 

Nairobi
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Nach mehreren Runden "De Fuchs gaht ume" draussen im staubigen Hof, geht es zurück ins Zimmer. Die Zimmer sind durch Wellbleche voneinander abgetrennt. Türen braucht es keine, die Idee vom "open classroom" wird hier offensichtlich gelebt. Durch die dünnen Wände und offenen Türen hört man auch ganz genau, was im Nebenzimmer gelehrt wird! Danach noch eine weitere ad hoc- Lektion über typische Merkmale der Schweiz: Was die SchülerInnen über unser Land wissen, zeichne ich lustig auf die weisse Wandtafel. Löwen und Orangenbäume gehören nicht dazu, dafür Wasser und Berge und Kühe! Langsam werde ich etwas ungeduldig: Die Lehrpersonen tauchen einfach nicht mehr auf. Sie sind noch immer in der Sitzung und diskutieren munter weiter. Inzwischen haben wir die zwei Klassenzimmer, die über eine clevere, faltbare, hölzerne Trennwand vereint werden können, wieder getrennt und lautstark auch die gezimmerten Sitz-Tische an ihren ursprünglichen Standort zurückversetzt. Da die Kinder der PP 1 und 2 nun nach Hause gehen dürfen, entscheide ich, alle Klassen wieder sortiert in ihre Zimmer zu schicken, um dort auf ihre Lehrperson zu warten. Aber die Lehrerinnen kommen nicht zurück. Yannic hat dasselbe Problem. Er löst es, indem er mit seiner Gruppe im Hof Fussball spielt. Das Spiel ist wild und laut und fröhlich. Aber man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Die einen älteren Schülerinnen mögen das nicht. Ich bin froh, dass sie sich anbieten, die Kinder der 1. und 2. Klasse zu beaufsichtigen und mit ihnen die Poster an den Wänden zu repetieren. Ich mache dasselbe mit den 3. KlässlerInnen. Sie wollen noch mehr Dinge aus der Schweiz wissen und ich möchte mehr von ihren Liedern hören. Also reden wir und singen, aber die Kinder sind aufgedreht und tanzen und schreien mehr, als dass sie singen. Alle sind müde. Ich störe nur ungern die Sitzung der Lehrpersonen, aber ich muss mal wissen, wie das hier weitergehen soll. Als Antwort auf die Frage, was ich mit den SchülerInnen noch besprechen kann, heisst es, ich solle sie einfach das machen lassen, was sie wollen. Nun denn: Das Spielen und Singen geht weiter, einige Kinder haben ihre Hausaufgaben hervorgeholt. Die PP-Kinder, die noch nicht abgeholt worden sind, werden aus ihrem Zimmer wieder zu uns geschickt, damit das Reinigungspersonal rein kann. Also sind da plötzlich wieder Kleine da, die vor Müdigkeit fast schon einschlafen auf den Tischen. Ich bin damit beschäftigt, immer wieder in den drei Klassenzimmern vorbeizugehen, zu schauen, was die SchülerInnen machen und neue Ideen zu geben, womit sie sich noch beschäftigen könnten, bis die Lehrerin zurückkommt. Leider kommt niemand. Um 16:30 dürfen auch die 1.-3. KlässlerInnen gehen. Aber niemand geht, weil die Lehrerin sie nicht verabschiedet hat. Ich getraue mich, erneut ins Lehrpersonen-Meeting zu platzen und die Lehrpersonen darum zu bitten, die kleineren Kinder, die eigentlich seit einer Viertelstunde die Schule aus hätten, doch jetzt zu entlassen. Die Grossen sind derweil immer noch im Hof am Fussballspielen, aber es geht auch da immer roher zu und her. Zwei Bälle fliegen weit über die Dächer von Kibra und verschwinden da wohl auf Nimmerwiedersehen. Die Bälle zu suchen kommt nicht infrage, weil es zu gefährlich ist. 

Da taucht unerwartet unser Fahrer auf. Ich störe erneut das Meeting und informiere den Schulleiter, dass wir nun nach Hause fahren und die Lehrpersonen sich bitte um ihre SchülerInnen kümmern mögen, die noch bis um 17:30 in der Schule bleiben dürfen. Ich bin sehr müde und auch ein bisschen enttäuscht. Es ist mein 2. Tag hier, ich kenne weder die SchülerInnen noch ihren Lernstand, weiss nicht, wie das System funktioniert, die SchülerInnen können nur wenig Englisch und ich gar kein Suaheli. Da habe ich mich also schon einigermassen überfordert gefühlt, wenn ich 45 Kinder drei Stunden lang unvorbereitet betreuen soll. Aber vielleicht gilt es genau das zu lernen, alles so anzunehmen, wie es nun mal ist. Meinem hohen Anspruch auf maximal viel aktive Lernzeit während der Unterrichtszeit ist dieses improvisierte Nachmittagsprogramm jedenfalls nur am Anfang gerecht geworden!