Woche 11 - 17.-23.4.23
Praktikum in der Arbeitsagogik der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich am Standort Rheinau, 17.-20.4.23
Diese Woche stosse ich erneut eine Tür auf, hinter der sich ein mir bis anhin unbekanntes Universum entdecken lässt. Ich darf in der Arbeitsagogik der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich am Standort Rheinau ein Praktikum als Arbeitsagogin absolvieren. 90% der Patientinnen und Patienten, welche die Arbeitsagogik besuchen, kommen aus dem Zentrum für stationäre forensische Therapie (ZSFT).
Dieses Zentrum ist Teil der PUK, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich www.puk.ch
Am Standort Rheinau werden PatientInnen untergebracht, die aufgrund einer psychischen Erkrankung eine Straftat begingen und anstelle einer Haft im Gefängnis in das ZSFT überführt werden, um ihre Massnahme zu erfüllen. Der Weg führt nach der Verurteilung also nicht als Gefangene/r in ein Gefängnis, sondern als PatientIn in die Klinik. Der Status ist verschieden und die Behandlung der PatientInnen zielt vor allem darauf ab, die Menschen auf ein Leben ohne weitere Straftaten vorzubereiten. Dazu gehören medizinische, psychologische und therapeutische Behandlung und Begleitung. Die Arbeitsagogik ist eine von vielen Therapien, welche die forensischen PatientInnen in allen drei Stadien besuchen können. Die Teilnahme am agogischen Angebot ist ein wichtiger Pflichtteil in der gesamten Behandlung. Mit den drei Stadien meine ich die erste Station, in der die meisten PatientInnen im ZSFT ankommen. Das ist der Hochsicherheitstrakt, intern die Station 59 genannt. Das zweite Stadium sind die geschlossenen Massnahmestationen. Dort wohnen PatientInnen, die nicht mehr als ganz akut gefährlich eingestuft sind. Die Wohngruppen der geschlossenen Abteilung werden mit bis zu 13 Personen geführt. Sie teilen sich die Küche und einen Aufenthaltsraum, verfügen jedoch alle über ein eigenes privates Zimmer. BetreuerInnen und Pflegepersonal sind zu jeder Zeit anwesend, die Tür nach draussen ist geschlossen und ein Ausgang, auch zu den Therapien, nur in Begleitung gestattet. Im dritten Stadium wohnen die PatientInnen auf der offenen Massnahmestation. Dort sieht es in etwa gleich aus wie in der geschlossenen, mit dem Unterschied, dass sich die PatientInnen frei auf dem Gelände der Klinik bewegen dürfen, also die Türen offen sind und die PatientInnen selbständig zu ihren Terminen gehen können. Einige haben auch eine Arbeitsstelle ausserhalb der Klinik, das heisst, sie fahren meist mit dem Bus selbständig zur Arbeit und kommen am Abend zurück. Der letzte Schritt für die meisten PatientInnen ist, in eine begleitete Wohngruppe zu wechseln, von der aus sie einer geregelten Arbeit, meist im 2. Arbeitsmarkt, nachgehen können. Die wenigsten PatientInnen werden selbständig wohnen und im 1. Arbeitsmarkt einer geregelten Tätigkeit nachgehen können nach den Jahren, die sie in der Forensischen Psychiatrischen Klinik in Rheinau gelebt haben. Die Fortschritte der PatientInnen werden vom multiprofessionellen Team begleitet, genau beobachtet, im internen Computerprogramm festgehalten und regelmässig besprochen. Die Wechsel von einem Status zum nächsten und von einer Station in die nächste müssen durch die Justiz anhand dieser Beobachtungen und Berichte bewilligt werden.
Mein Einblick in das Leben in der Klinik beschränkte sich auf die therapeutische Arbeit in den Werkstätten, in denen die ArbeitsagogInnen tätig sind. In der Klinik Rheinau sind dies die Arbeitstagogik auf der Station 59, wo die ArbeitsagogInnen vor Ort mit den PatientInnen arbeiten. Dann gibt es zwei geschlossenen Werkstätten, die Industriearbeit und die Metallwerkstatt. Die Holzwerkstatt, die Gärtnerei und die Velowerkstatt sind die drei offenen Werkstätten, welche von den PatientInnen der offenen Abteilung besucht werden können. Die Arbeiten sind unterschiedlich. Auf der Station 59 müssen sie niederschwellig sein, ohne Materialien, die gefährlich sein können (wie etwa spitze Scheren etc.), da die PatientInnen auf dieser Station oft noch nicht stabil sind. Da kommen Steckbausätze infrage, Mandala-Ausmalen, Puzzles oder auch einfachere Industriewerkstatt-Aufträge.
In den geschlossenen Werkstätten sind die Angebote vielfältiger. Für verschiedene Industriebetriebe können die PatientInnen (Teil-)Produktionsschritte ausführen wie Verpacken, Zuschneiden, Sortieren, Abzählen und Montieren.
In der geschlossenen Metallwerkstatt werden individuell Dinge hergestellt ohne Produktionsdruck. Hier darf kreativ gearbeitet werden an Automodellen, lustigen Abfall-eimern, Gartendekorationen etc. Und zum Teil werden auch individuelle Auftragsarbeiten ausgeführt. Die Gegenstände dürfen die PatientInnen zum Materialwert kaufen und auf die Station mitnehmen oder verschenken. Die Arbeiten, welche nicht von den PatientInnen mitgenommen werden, können von allen in der Werkstatt günstig erworben werden.
In den offenen Werkstätten ist kreatives Arbeiten möglich. Die meisten PatientInnen folgen jedoch den Vorschlägen des Werkstattleiters, ebenfalls ein Arbeitsagoge. So werden Kinderspielsachen entwickelt, Dekorationsgegenstände und im Moment gerade auch Wildbienen-Villen in verschiedenen Ausführungen hergestellt. Die Holzwerkstatt ist gut ausgerüstet und die PatientInnen arbeiten zum Teil sehr selbständig auch an den grossen Bohr-, und Schleifmaschinen. Im Gartenteam wird gesät, Keimlinge pikiert und Setzlinge gepflanzt. Die Beete und Hochbeete werden vorbereitet und gepflegt. Wenn Erntezeit ist, wird das Personal der gesamten Klinik darüber per Rundmail informiert und Bestellungen werden daraufhin entgegengenommen und bereitgestellt. Die Gärtnerei verfügt über ein grosses Treibhaus. Ein Steckenpferd ist die grosse Kräuterabteilung und auch der Safran-Anbau. Verschiedene Geschenk-Ideen aus dem Garten können auch hier käuflich erworben werden. In der Velowerkstatt gibt es immer viel zu tun. Dies ist die einzige Werkstatt mit direktem Kundenkontakt. Hier können Velos und Mofas zur Revision vorbeigebracht werden. Die PatientInnen lernen, wie die Fahrräder und Töffli demontiert, gereinigt, Teile repariert und alle richtig wieder zusammengebaut werden. Ein Highlight ist jeweils das «Restaurieren» von alten Mofas. Liebhaberstücke werden in der Werkstatt mit originalgetreuen Ersatzteilen aufgewertet und instand gestellt. Das Geschäft läuft sehr gut!
Ich habe die Arbeit der Agogik als sehr wertvoll für die PatientInnen erlebt. Die Menschen sind meist gern an der Arbeit. Es soll kein Druck für sie sein. Es geht in den Werkstätten hier nicht um Produktionsleistung, sondern um eine Abwechslung im Patienten-Alltag. Die Arbeits-agogInnen unterstützen die Patientinnen und Patienten in ihrem Handeln, um ihre individuellen Fähigkeiten (wieder) zu entdecken und zu fördern. Das bewusste und gezielte Einsetzen des Mediums «Arbeit» dient als Lernfeld für die Patientinnen und Patienten und ermöglicht eine Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Schwierigkeiten. Und natürlich wird darauf geachtet, dass die PatientInnen möglichst regelmässig kommen und pünktlich sind. Ausserdem müssen sie sich an der Arbeit anständig verhalten, höflich sein zu den AgogInnen und den anderen PatientInnen, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit zeigen. Dies sind Verhaltensweisen, die geübt werden müssen in der Vorbereitung auf die nächsten Schritte ins Leben «draussen». In den Werkstätten wird gefachsimpelt, es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Bei der Arbeit werden auch Gespräche schnell tiefer und diese Einblicke in die Patienten-Sicht sind wiederum sehr wertvoll für den interdisziplinären Austausch mit den ÄrztInnen und PsychologInnen sowie anderem Fachpersonal. Die Agogik trägt so einen wichtigen Beitrag zum Gesamtbild eines Patienten oder einer Patientin bei.
Es ist für mich auch sehr schön zu sehen, mit welcher inneren Haltung die ArbeitsagogInnen diese Arbeit mit psychisch kranken StraftäterInnen angehen. Was auch immer in der Vergangenheit passiert ist und aus welchen Gründen, hier geht es um den Menschen, zu was er jetzt und in Zukunft fähig ist und sein soll. Das ist nicht romantisches Wunschdenken, aber zutiefst humanistisch und lösungsorientiert. Das beeindruckt mich. Und dass je nach Tagesverfassung und Gemütszustand oder Einstellungsveränderungen oder Umstellungen von Medikamenten auch einmal etwas passieren kann, wird einfach immer einberechnet.
Das Verhalten der AgogInnen ist freundlich, jedoch nicht freundschaftlich, jederzeit klar und hilfsbereit, jedoch nicht kollegial. Insofern gibt es da für mich schon auch Parallelen zum Schulbetrieb. Das Gefälle ist klar, Therapeut und Patient stehen nicht auf einer Ebene von der Profession her, genauso wenig wie Lehrer und Schüler. Doch man begegnet einander als gleichwertige Menschen und behandelt einander mit Respekt und Wohlwollen.
Die Woche in der Rheinau war sehr spannend. Ich durfte mich in ein Team einreihen, das mich von der ersten Minute an professionell instruiert und mitgetragen hat, offen über alles Auskunft gab und die fröhlichen Pausen mit mir geteilt hat. Vielen Dank auch dafür!


Arbeiten der offenen Werkstätten: links die Gartenanlage, oben verschiedene Wildbienenhäuschen
Velokarussels (rechts) werden auf Auftrag in den geschlossenen Industrie-Werkstätten (gnaz rechts oben) montiert.
Blick aus dem Arbeitstherapie-Zimmer des Hochsicherheits-Traktes 59 (ganz rechts unten - Bild von der Homepage https://www.srf.ch/news/regional/zuerich-schaffhausen/ausbau-der-forensischen-psychiatrie-rheinau-wird-konkret)



Winterthurer Drehtage 2023, Zentrum für lösungsorientierte Beratung, 23.4.23
Im Rahmen der Winterthurer Drehtage 2023 des ZLB habe ich am Sonntagabend den Einführungskurz "Der erste Dreh" besucht. Leider ist es mir wegen Terminüberschneidungen nicht möglich, die Kurse von Montag-Mittwoch zu besuchen, da ich dann bereits ein anderes Praktikum abgemacht habe. Das ZLB habe ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Schulischen Heilpädagogin an der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich kennengelernt. Ich habe da ein Seminar zum Thema lösungsorientierte Beratung belegt und die Haltung, welcher dieser Kommunikations- und Beratungsmethode zugrunde liegt, hat mich sehr angesprochen und beeindruckt. Ich versuche, in meiner Profession als SHP in Beratungssituationen mit Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern, den Grundsätzen des lösungsorientierten Ansatzes zu folgen. Der Ansatz richtet sich an PsychologInnen, PädagogInnen und TherapeutInnen. Die Runde am Sonntagabend besteht dann auch aus Menschen dieser drei Bereiche, darunter sind einige SHP, Lehrpersonen und auch eine Schulleiterin dabei.
Die Grundannahme des lösungsorientierten Ansatzes (LOA) ist folgende:
Kein Mensch handelt aus Bosheit destruktiv. Jeder macht von sich aus gesehen das Bestmögliche, er handelt so, weil er im Moment nicht anders handeln kann, weil ihm nichts Besseres einfällt. Jedes Verhalten ist immer ein Lösungsversuch, manchmal mit negativen Auswirkungen.
Steve de Shazer und Insoo Kim Berg gelten als die Begründer des lösungsorientierten Modells, in welchem sie über die Beobachtung ihrer KlinetInnen in vielen Therapiegesprächen darauf gekommen sind, dass die Lösungen für die Probleme ihrer KlientInnen von eben diesen selber entwickelt werden, wenn von der konstruktivistischen Annahme ausgegangen wird, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat und dass jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiert. Als Berater oder Therapeut gehe ich also von Annahmen aus und höre mir die Wirklichkeit der KlientInnen an. Die sieben lösungsorientierten Annahmen (basierend auf der oben erwähnten Grundannahme) sind:
1. Probleme sind Herausforderungen, die jeder Mensch auf seine persönliche Weise zu bewältigen sucht.
2. Menschen wollen ein sinnhaftes Leben, die Ressourcen dazu sind vorhanden. In eigener Sache sind wir alle kundig und kompetent.
3. Es ist hilfreich und nützlich, dem Gegenüber sorgfältig zuzuhören und ernst zu nehmen, was er/sie sagt.
4. Orientiere dich am Gelingen und an den nächsten (kleinen) Schritten, dann findest du eher einen Weg.
5. Nichts ist immer gleich - Ausnahmen deuten auf Lösungen hin.
6. Menschen beeinflussen sich gegenseitig. Sie kooperieren und entwickeln sich leichter in einem Umfeld, das ihre Stärken und Fähigkeiten unterstützt.
7. Jede Reaktion ist eine Form von Kooperation - Widerstand auch.
Es gilt also, zuzuhören, Stärken als Ressourcen zu nutzen und auf die Ausnahmen zu achten, denn da bieten sich Lösungsansätze an. Im lösungsorientierten Ansatz geht es darum, Fragen zu stellen, statt zu mutmassen. Es wird auf das Gegenüber eingegangen mit offenen W-Fragen, wobei das "Warum" ausgelassen wird. Es impliziert eine Kausalität und eine Erklärung dafür - dies ist bereits eine Mutmassung.
Die Grundlagen vom LOA habe ich mir mit diesem Kurs wieder aufgefrischt. LOA gefällt mir und ich möchte mich gerne weiter und vertiefter damit auseinandersetzen.
Mehr Infos zu LOA, Entstehung, Literatur und Kursen gibt es unter www.zlb-schweiz.ch