Woche 18, 5./6.6. und 8.6.2023

Förderschule Fischingen, 5./6. 6..2023

Um 08:00 treffe ich in der Schule ein, der Unterricht beginnt um 08:15 und dauert mit einer halbstündigen Pause von 9:30 -10:00 bis um 11:45 Uhr. Am Nachmittag bleiben die SchülerInnen bis um 15:00 in den Klassen, danach geht es noch bis 15:30 auf die Wohngruppe, wo es Zvieri gibt und der Tag besprochen wird. Danach werden die SchülerInnen entweder per Schulbus nach Hause gebracht oder sie verbringen den Rest des Tages auf der internen Wohngruppe.

Die Kinder und Jugendlichen, welche hier zur Schule gehen, kommen von extern oder wohnen als Tages- oder WochenaufenthalterInnen im Internat der Schule. Dort haben sie ihr eigenes Zimmer, einen gemeinsamen Aufenthaltsraum, eine Küche und dort werden zum Teil die Mahlzeiten selber zubereitet, zum Teil auch vom Restaurant des Klosters Fischingen angeliefert. Die externen Kinder haben ähnliche Aufenthaltsmöglichkeiten vor und nach der Schule, sowie für Zwischenstunden oder die Mittagszeit im sogenannten Externat. Jedes Kind hat also eine verbindliche Gruppe und einen Ort, wo es zugehörig ist und entsprechend Vertrauenspersonen zugegen sind. 

Eine der Unterrichtsgruppe ist eine integrierte Wohn- und Schulgruppe. Das heisst, die Jugendlichen dieser Lerngruppe gehen in ihrer Wohneinheit auch zur Schule. Das Schulzimmer ist ein Raum in der restlichen Wohnung. Schulwege fallen da weg und alles ist einfach und übersichtlich organisiert. Vor allem für SchülerInnen mit grossen Lernschwierigkeiten und/oder Problemen mit Übergängen kann diese integrierten Form der Beschulung Krisensituationen vorbeugen.

Ich darf im Lerngarten 1 (LG1) den Morgen verbringen. Die Kinder zwischen Kindergarten bis zur 4. Klasse besuchen diese Gruppe, von denen es noch zwei weitere gibt. Die älteren Kinder und Jugendlichen von der 5. - 9. Klasse werden ebenfalls in drei altersdurchmischten Gruppen unterrichtet. In jeder Gruppe hat eine Klassenlehrperson die Hauptleitung, daneben sind auch Fachlehrpersonen, SozialpädagogInnen sowie TherapeutInnen im (Schul-)Alltag involviert. Das Interventionsteam ist auf Abruf bereit und nimmt Kinder und Jugendliche in Obhut, die eine Pause brauchen und/oder für die eine Situation gerade nicht gut ertragbar ist. 
Der Montagmorgen beginnt mit einem "Ankommens-Ritual". Die SuS wählen entweder eine Steckfigur, wenn sie im Kreis etwas erzählen oder auch nur zuhören wollen oder aber ein weisses Blatt, wenn sie lieber für sich still etwas zeichnen möchten. Ich darf im Erzählkreis dabei sein. Drei Mädchen erzählen von ihren Erlebnissen am Wochenende, zwei Jungs möchten lieber nichts sagen und ein Junge hat etwas zum Zeigen für die Gruppe von zu Hause mitgebracht. Ein Junge ist in der Ergotherapie und im Kreis nicht dabei. Ein Junge kommt nicht zu Wort, möchte vielleicht aber auch nichts sagen. Die Zeit ist jedenfalls schnell vorbei und die Kinder dürfen sich in der Übergangszeit im Bewegungsraum austoben, sich in die Musikecke verziehen oder auch für sich Musik hören. Danach geht es los im Unterrichtszimmer mit der individuellen Wochenplan-Arbeit. Jedes Kind hat eigene schulische und soziale Ziele, auf denen in der Förderschule der Fokus liegt. Die SuS haben teilweise eine medizinische Diagnose (ADHS; ADS, ASS), Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen und sind schnell "auf 100", teilweise sind sie kognitiv sehr schwach und/oder kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen (Sucht- und/oder Gewalterfahrung im Elternhaus, psychische Erkrankung der Bezugspersonen).  darf 
Die Kinder sind bei ihrer Ankunft in der Schule noch sehr engagiert bis überdreht. Im Laufe des Ankommens-Rituals beruhigen sie sich sichtlich und die Schul-Sequenz verläuft ruhig und ziemlich konzentriert. Die SuS rechnen und üben ein Diktat. Zwischendurch darf es auch mal eine Runde UNO geben. Die Kinder lassen sich gut und schnell auf mich ein und involvieren mich in ihre Arbeit und ins Spiel. 
Die Gruppenleiterin zeigt mir die Räumlichkeiten der Schule. Ein Schüler der internen Wohngruppe nimmt mich mit auf eine Tour durch sein Schul-Zuhause. Er zeigt mir die Wohngruppe und sogar sein eigenes Zimmer. Es gibt die Gruppen Feuervogel und Regenbogen für die jüngeren SuS und die JWG (Jugend WG) für die Jugendlichen ab der 5. Klasse. Die Wohngruppen sind bewusst alters- und geschlechtsdruchmischt, auch hier steht das soziale Lernen im Vordergrund. 
Die Wohnungen sind zweckmässig und gemütlich eingerichtet, die Räume sind hell und freundlich. Die Umgebung ist ein sehr natürliches Naherholungsgebiet mit Wald, Weiden und Wiesen. Für Bewegung sorgt ein riesiger Fuhrpark auf dem Pausenplatz der Jüngeren und ein Fussballfeld sowie eine Skater-Rampe für die älteren Kinder.

Ich darf auf der Wohngruppe mit neun Jungs und zwei Sozialpädagogen Zmittag essen. Das Essen wird zum Teil selbst zubereitet, teilweise wird es aber auch von der Klosterküche angeliefert. Heute gibt es Schnitzel Pommes und Gemüse. Die Mahlzeit verläuft ruhig und friedlich. Es wird ein wenig herumgealbert und die Stimmung ist gut. Nach dem Essen werden die Ämtli erledigt: Tisch abräumen, Tisch abwischen, Staubsaugen, Wohnecke in Ordnung bringen... danach verschwinden die Jungs zu zweit oder allein in ihre Zimmer für die Ruhepause. Um halb zwei geht es mit der Schule weiter. 

Ich besuche die Rhythmik-Stunde. Die Musikschullehrerin aus dem Dorf kommt für diese Lektion in Halbklassen in die Schule. Die drei Jungs (einige Kinder der Klasse fehlen wegen Krankheit oder Besprechungen) spielen auf tönenden farbigen Plastikschläuchen, sogenannten Boomwhackers, nach ausgelegten farbigen Knöpfen Melodien nach. Das ist eine grosse Konzentrationsaufgabe, die auch grossen Spass macht. Die Jungs machen das toll, bis gegen Ende der Lektion das Spiel dann doch noch ein bisschen wild wird und die Boomwhackers zu Jedi-Schwertern mutieren... 

Am Nachmittag darf ich die Werken textil- Lektion besuchen. Ich bin erstaunt, wie toll die Schülerinnen und Schüler hier selbständig an der Nähmaschine arbeiten. Die Lehrperson ist geduldig und fröhlich, die Kinder fühlen sich wohl und ernstgenommen. Nach der vereinbarten "Arbeitsphase" gibt sie ihnen "Freizeit", in welcher die Mädchen an einem selbstgenähten Kleid arbeiten, die Jungs im Werkraum nebenan eine selbstkonstruierte Maschine aus allerlei Restmaterialien herstellen oder ein Puzzle legen im Nebenraum. Die Stimmung ist gelassen heiter und konzentriert. Und es werden hier auch private Dinge erzählt, es hat hier Raum dafür. 

Nach zwei Tagen in der Förderschule Fischingen, Standort Chilberg, fahre ich zufrieden nach Hause. Ich bin froh, dass es Schulen wie diese gibt, für Jugendliche und Kinder, die mit dem schweren Rucksack, den sie zu tragen haben, in der öffentlichen Schule einfach zu hoch belastet und dadurch dem Tempo und den gängigen Standards nicht gewachsen sind. Ich sehe aber auch, dass es schwierig ist, genügend gutes, verständnisvolles und ausgebildetes Personal zu finden. Die Anforderungen an die Lehr- und Begleitpersonen und die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen (und wohl auch mit deren Angehörigen und gesetzlichen VertreterInnen) sind sehr hoch, ebenso an die Räumlichkeiten und die Umgebung, welche die Stimmung der Schülerinnen und Schüler massgeblich mit beeinflussen. Hier in Fischingen ist diesbezüglich nichts auszusetzen. Die Lage und die Räume sind toll - und es wird ständig weitergedacht und verbessert. So steht auf das neue Schuljahr eine Änderung der Lerngarten 1 und 2 -Räume an, die in die Wohngruppe integriert werden sollen, damit die Wechsel von Unterrichts- und Erholungszeit etwas einfacher und niederschwelliger vonstatten gehen können. 

Bestimmt komme ich bald nach Fischingen zurück, um mir das neue Modell anzuschauen und mit den Kindern darüber zu sprechen. Danke für eure Offenheit und die Möglichkeit, mir eure Schule anzuschauen! https://www.foerderschule.ch