Woche 5 - Donnerstag, 9.3.23
Gestern bat ich Anderson, unseren Fahrer, auf dem Nachhauseweg bei einem Supermarkt einen Zwischenstopp zu machen. Es war wieder einmal Zeit, meine Vorräte aufzustocken. Da ich in einer Wohnung ausserhalb von Kibra einquartiert bin und Yannic noch weiter entfernt wohnt, nimmt er jeweils ein Uber zu meinem Wohnblock und von hier holt uns Anderson um 7:40 mit seiner "Ghetto-Rat" ab, um uns nach Kibra zu fahren und uns pünktlich um 08:00 in der Schule abzusetzen . Uber-Fahrer würden nicht in das Slumgebiet hineinfahren, weil die Strassen wohl zu prekär sind. Jedenfalls habe ich im Supermarkt auch ein kleines Lesebuch in Englisch und eines in Kiswahili gefunden. Mir hat die Idee gefallen, mit der Coaching-Gruppe ein Leseförderprogramm zu starten, und dazu brauchen wir natürlich einen motivierenden Text.
Nun habe ich heute Morgen direkt nach unserer Ankunft in der Schule mit dem Schulleiter ein kurzes Briefing, wie das Coaching gestern gelaufen ist und wie ich mir vorstelle, dass es weitergehen sollte. Da weitere Lehrpersonen Kinder mit einem erhöhten Förderbedarf aus den beiden Kindergartengruppen und den Unterstufen angemeldet haben, werden wir das Konzept bereits anpassen müssen. Schulleiter Jeremiah zeigt sich bei Vorschlägen von mir stets sehr offen und versucht direkt, einen Lösungsvorschlag umzusetzen, meist noch am gleichen Tag. Das ist beachtlich, aber manchmal auch noch nicht so ganz ausgereift. Work in progress - wie alles hier! Aber die Initialzündung ist gemacht und heute führe ich das reziproke Lesen erfolgreich ein bei der zweiten Gruppe mit drei 8. Klässlern und vier 5. KlässlerInnen. Teacher Bella übernimmt die Einführung zu den "sounds" in Englisch und nach meiner Erläuterung der Lesemethode auch die eine Gruppe. Die andere Gruppe liest mit mir. Die Rückmeldungen dazu sind von den Schülerinnen und Schülern wie auch von Teacher Bella und dem anwesenden Schulleiter Jeremiah durchwegs positiv.

Nach einer Lektion Englisch und einer Lektion Kiswahili in der 5. Klasse gibt es Zmittag. Ich esse meine Bohnen mit dem Löffel, nicht wie die Kinder von Hand und am Nachmittag geht es mit einer Privatstunde in Kiswahili bei Teacher Suprine weiter. Meine Kenntnisse sind erfreulich rasch wachsend, ich verstehe die Grammatik und kann bereits eigene Sätze richtig zusammenbauen. Für die "Bestandteile" blättere ich aber immer noch lange in meinem students book hin und her, weil ich mir die Wörter wirklich nur schwer merken kann! Aber die Sprache klingt sehr schön: offen, weich und rund mit sehr vielen Vokalen.
Den Schluss des Tages bildet die Debatte. Die SchülerInnen und Lehrpersonen, die daran teilnehmen, versammeln sich in einem der Klassenzimmer. Es gibt zwei Lager, einen Vorsitz, Protokollführer, einen Zeithüter, zwei Minister, einen Kritiker und einen Vorsänger der Landeshymne zum Auftakt der Debatte. Das ganze wird von den SchülerInnen organisiert und die Kinder nehmen ihre Sache sehr ernst. In politischem Gebaren wenden sie sich an die Vorsitzende, bedanken sich für die gewährte Redezeit und tragen dann ihr Argument für oder gegen Handys in der Schule vor. Ich schmunzle natürlich über die Wahl des Themas: ganz egal ob in der Schweiz oder im Slum von Nairobi, die Anliegen der Jugendlichen sind doch überall sehr ähnlich! Jedenfalls argumentieren alle sehr engagieert, gehen auch auf geschätzte Vorredner oder MPs (Member of the Parliament) ein und stellen ihren Standpunkt klar dar. Die Lehrpersonen geben dem Ganzen noch zusätzlich Würze, so dass die Debatte wirklich spannend und emotional und auch lustig ist. Eine tolle Idee, eine solche Lektion wöchentlich ins Schulprogramm aufzunehmen, um den gepflegten Umgang mit verschiedenen Meinungen und die eigene zu äussern zu üben.

Oben: Gemütliches Zmittagessen auf dem Pausenplatz.
Mitte oben: So wird die Debatte organisiert!
Mitte unten: Debattier-Runde, altersdurchmischt und inkl. Lehrpersonen.
Links: Einblick in eine Seite aus meinem Kiswahili-Heft.



Wieder zuhause angelangt, nehme ich mir Zeit, um meine schmutzige Wäsche zu sortieren und dann getraue ich mich, die Waschmaschine in der Küche zu füllen und laufen zu lassen. Ich verstehe nicht so recht, wie die Temperatur eingestellt werden kann, aber es gibt ein Feld, das heisst "eco" - tönt gut und so starte ich die Maschine. Nach zwei Stunden läuft sie immer noch! Ob das so eco ist? Nach einer weiteren halben Stunde und bereits zwei Schleuderdurchgängen bemerke ich einen schmalen Wasserlauf, der aus der Maschine auf den Küchenboden rinnt. Ich beobachte weitere Minuten und entscheide mich dann, das lautstarke Rumpeln, Schleudern und Sirren zu unterbrechen. Einmal mehr weiss ich zu schätzen, dass zuhause mein Mann für die Wäsche besorgt ist - ich habe dafür einfach kein gutes Händchen...! Aber die Wäsche hat immerhin keinen Schaden genommen, eco sei Dank!