Woche 14, 8.-14.5.2023
Diese Woche möchte ich im Heilpädagogischen Zentrum in Frauenfeld verbringen. Leider lässt mich meine Gesundheit diesen Plan nicht verwirklichen. Nur gerade einen Tag kann ich im HPZ verweilen. Ab dem Donnerstag bin ich im Kantonsspital St. Gallen zu Gast als Dialyse-Patientin. Ein neues Abenteuer, von dem ich euch gern berichte!
Montag, Heilpädagogisches Zentrum Frauenfeld
Am Morgen begrüsst mich die Schulleiterin des HPZ Frauenfeld und bespricht mir das Programm der Woche. An jedem Tag darf ich in einer anderen Gruppe der verschiedenen Schulstufen dabei sein. Ich beginne die Woche in der Grundstufe. In jeder Klasse sind 5-9 Schülerinnen und Schüler, die von einer Lehrperson und meist zwei UnterrichtsassistentInnen unterrichtet werden.
Der Montagmorgen beginnt im Kreis im kleinen, aber sehr praktisch eingerichteten Zimmer. Es sind fünf Kinder zugegen, eines ist krank und eines kommt wegen einer Therapiestunde erst später dazu. An der Wand hängt der Stundenplan für die Klasse und für jedes Kind einzeln. Mit Piktogrammen ist dargestellt, wer wann welches "Programm" hat. Die Kinder erklären mir, was an diesem Tag in der Klasse läuft. Die Lehrerin gibt weitere Erläuterungen dazu und ich stelle mich kurz vor. Danach singen wir ein Lied, das die Lehrperson und alle Kinder auch mit Gebärden begleiten. Die Gebärden lernt hier jedes Kind, damit ist nebst der gesprochenen und geschriebenen Sprache eine weitere Unterstützung für alle gewährleistet. Es ist eine universelle Sprache, mit der sich die Kinder in der Schule miteinander unterhalten können, auch wenn sie nicht mündlich sprechen können. Ich nehme mir vor, mir diese Sprache als eine der nächsten auch anzueignen. Auch die Piktogramme sind universell und können in einem Programm gekauft werden. Ich denke, dass diese Bildersprache auch in der Regelschule eine gute Orientierungshilfe bietet.
Dann gibt es einen kurzen Moment des Erzählens vom Wochenende. Und schon ist es Zeit, sich für den Turnunterricht wieder die Schuhe anzuziehen. Die schnellen 2. Klässler flitzen selbständig schon mal voraus zur Umkleide neben der Turnhalle. In grosser Ruhe und Sorgfalt ziehen sich die Kinder für die Turnlektion um, meist selbständig. Dass die Kleider nicht überall auf dem Boden herumliegen, sondern nach dem Ausziehen an den Haken aufgehängt werden, wurde schon ganz gut geübt und klappt schon prima. Die Jungs sind schon in der Turnhalle, auch der Knabe aus der Therapiestunde ist schon zurück und direkt in der Turnhalle eingetroffen. Eine weitere Grundstufenklasse turnt mit unserer Klasse zusammen. Jeweils eine Lehrperson plant den Turnunterricht für vier Lektionen, in denen immer der gleiche Ablauf stattfindet. So ist es für die autistischen Kinder nicht jedesmal wieder eine neue, unbekannte Herausforderung. Heute ist die Turnstunde aber tatsächlich eine neue. Den Einstieg macht die Lehrerin mit einem Bewegungs-Lied, alle Kinder und Betreuungspersonen singen mit und bewegen sich im Kreis. Die Lehrerin hat eine Bienen-Handpuppe mitgebracht, mit welcher sie den Einstieg in den Bewegungsparcours macht Die Kinder sind sehr unterschiedlich: Sie sind im Alter von 5-8 Jahren, einige bewegen sich sehr sicher, einige haben körperliche oder geistige Einschränkungen und sind etwas zögerlicher unterwegs, einige sind gross und kräftig, andere noch etwas kleiner und ganz zart. Und alle zusammen haben sie Freude an der Bewegung, am Springen und Hüpfen und Klettern und Balancieren, mit und ohne Unterstützung - es ist ein herrliches Bild!
Allzu schnell ist die Turnstunde schon wieder vorbei. Weil alle mithelfen, ist das Aufräumen schnell erledigt und schon geht es zurück in die Umkleide. Ein Junge ist nicht zufrieden, weil seine Gruppe nicht gewonnen hat. Einer ist etwas muffig, weil der andere nicht zufrieden ist - die Mädchen indessen sind ganz konzentriert mit den Kleidern beschäftigt. Es wird diskutiert, wer welche Unterhosen trägt: Solche mit Snoopy drauf und gelbe und solche, wo was geschrieben steht. Was steht denn da? S P O R T - ha! Wie das genau passt! Ich beobachte die Kinder und ich denke, ich lächle die ganze Zeit.
Die fröhliche Bande trifft sich nach dem kurzen Marsch durch das Schulhaus von der Turnhalle in den ersten Stock des Nebengebäudes im Zimmer gegenüber des Klassenzimmers, in der Küche. Dort gibt es jetzt den wohlverdienten Znüni und ein Glas Wasser. Nach dem Essen geht es ab in die Pause.
Nach der Pause treffen wir uns im Schulzimmer im Kreis. Der Tagesplan wird aktualisiert. Alle Piktogramme, die schon "verbraucht" sind, kommen weg. Es arbeiten alle SchülerInnen an individuellen Aufträgen, eine ist in der Logo. Ein Knabe muss noch eine Arbeit für den Muttertag nachholen, eine der Unterrichtsassistentinnen geht mit ihm dafür in den Zeichnungs-Saal. Die Kinder schreiben Tagebuch. Dafür werden während des Tages Fotos gemacht und ausgedruckt. Die Kinder schneiden die Bilder aus und kleben sie ins Tagebuch. Dazu schreiben sie, was sie an diesem Tag besonders gut und gern gemacht haben. Ein Junge arbeitet im Rechnungs-Buch, ein Mädchen macht mit der Lehrerin ein Rechnungs-Puzzle. Alle haben ihren individuellen Arbeitsplatz und die Hefte und Blätter in den Schubladen-Böxli daneben. Alles ist mit Piktogrammen angeschrieben, die Kinder sind sehr selbständig, was ich beeindruckend finde. Wieder gibt es einen Wechsel in verschiedene Therapien. Gestellte Wecker helfen, an die verschiedenen Termine zu denken, aber die Kinder sind gut eingespielt und haben ihre Tagespläne zuverlässig verinnerlicht. Gegen Mittag sind nur noch die beiden Jungs in der 2.Klasse im Zimmer. Sie dürfen bis zum Mittagessen noch ein bisschen spielen. Einer baut eine Kuhweide auf mit Zäunen und vielen verschiedenen Kühen aus Holz und Plastik. Der andere Junge spielt auf dem Verkehrs-Teppich mit den Autos, bis dann die Autos auf die Kuhweide fahren und die Kühe den schnellen Manövern auf der Strasse zuschauen - die Jungs spielen super zusammen! Einer der beiden hat bis vor einem Jahr nicht gesprochen. Er hat in der Schule Vertrauen gefasst und im Zusammenwirken der engen Begleitung durch die Lehrperson und den verschiedenen Therapien in der Schule sehr gute Fortschritte gemacht. Die Kinder fühlen sich wohl, das merke ich. Sie werden ernst genommen und eingebunden in das Geschehen in der Klasse und der Schule. Sie kommen von Frauenfeld und von weiter weg, viele werden durch die Eltern begleitet oder vom Schulbus gebracht, was manchmal auch Schwierigkeiten birgt. Denn nicht für alle Kinder ist es einfach, sich auf Neues einzulassen.Geringfügige Veränderungen von täglichen Routinen sind für einige schon zu viel und eine Überforderung. Einfühlsames Fördern und Fordern ist eine Grundvoraussetzung für den gelingenden Unterricht. Und das soziale Lernen steht ganz klar vor dem Fachunterricht.
Das Mittagessen nehmen die Kinder mit ihren Lehrpersonen und Unterrichtsassistentinnen im Speisesaal ein. Einmal pro Woche kochen die Kinder für ihre Klasse selber Zmittag und essen in der Küche. Nach dem Mittagessen dürfen die Kinder draussen spielen, bis um 13:30 der Unterricht wieder anfängt. Die Kleinen gehen dann aber bereits nach Hause.
Am Nachmittag treffen wir uns zuerst wieder im Kreis, das Programm wird besprochen. Es kommt der Wunsch auf, auch noch auf den Spielplatz zu gehen. Da das Wetter aber nicht so zuverlässig aussieht, wird der Ausflug auf einen anderen Tag verschoben. Dann arbeiten die Grundstüfler nochmals an ihren Tagebüchern. Ein Mädchen erledigt ausserdem das Gestalten der Verzierung des Muttertagsgeschenks vom kranken Gspänli. Ein Junge bereitet die Crème vor, die es dann zum Zvieri gibt. Das Rezept für die Muttertags-Guetsli muss noch im Internet recherchiert werden und in Teamarbeit wird auf ein Blatt Papier abgeschrieben, was es dafür einzukaufen gilt. Alle sind an der Arbeit. Die Zeit vergeht schnell. Kurz vor fertig spielen wir noch ein Kartenspiel, dann ist es auch schon Zeit, wieder in der Garderobe vor dem Zimmer die Schuhe anzuziehen. Alle sagen auf Wiedersehen und zotteln fröhlich davon. Ein Wiedersehen ist garantiert!




Leider war's das dann auch schon mit der Woche im HPZ. Wegen einer akuten Sehnerv-Entzündung musste ich vor einigen Tage, medikamentös behandelt werden. Weil die Auswirkungen aber nicht restlos verschwunden sind, werde ich ab dem kommenden Donnerstag für eine Woche im Kantonsspital St. Gallen weilen. Bis dahin stehen noch einige medizinische Untersuchungen und Abklärungen an, weshalb ich mich leider vom HPZ vorerst verabschieden muss. Mit der Schulleitung ist jedoch abgesprochen, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt sehr gern noch ein paar Tage in Frauenfeld verbringen darf.
Über mein nächstes Abenteuer, zwar ungeplant, aber nicht weniger interessant, berichte ich in der Woche 15.