Woche 7 - Freitag, 24.3.23
Weil meine Verabschiedung bereits gestern stattgefunden hat, fühlt sich dieser Tag wie eine Zugabe an. Ich freue mich, nochmals mit den Schülerinnen und Schülern Zeit zu verbringen. Es finden heute für die PP1 - 3. Klassen Elternsprechstunden statt. Die Kinder sind mit ihren Eltern jeweils für 10-30 Minuten bei ihren Lehrpersonen, um eine Rückmeldung zu den Mid-Term-Tests einzuholen und persönliche Belange zu diskutieren. Diejenigen Kinder, deren Eltern sich darauf wieder nach Hause begeben, sind in den Klassenzimmern still beschäftigt. Da kommt eine Runde Mini-Lük mit Teacher Sandra sehr gelegen! Ich verbringe einen grossen Teil des Morgens in der 2. und 3. Klasse. Die Kinder sind mit Eifer dabei, wenn es ums Spielen geht. Sie merken dabei gar nicht, wie konzentriert sie rechnen und zuordnen, Lernen macht so einfach Spass!

Nach dem Mittagessen (heute wieder einmal mein "Schul-Lieblings-Menü weisser Reis mit roten Linsen!) verteile ich allen Schülerinnen und Schülern zum Versüssen des Abschieds eine Orange. Diese haben Yannic und ich am Morgen im Supermarkt eingekauft. Eigentlich wollte ich Mary vom Hausdienst bitten, die Orangen auf dem Markt zu besorgen. Aber leider habe ich das dafür nötige Geld in Dollar mitgebracht. Das möchte hier in Kibra niemand haben, denn die Währung kann nicht in der Nähe gewechselt werden. Und 120 Orangen aufzutreiben, wäre wohl auch schwierig gewesen auf dem lokalen Markt. So kaufe ich grosse, kernlose Orangen für alle und verteile sie, eskortiert von Wafula, Yannic und Daniel in allen Klassen an die Kinder und bedanke mich gleichzeitig für die wunderbare Zeit mit ihnen.








Danach geht es ab zum Sportplatz, wo wir bereits in der 4. Woche am Freitag Fussball gespielt haben. Der Spaziergang durch Kibra bis zum Sportplatz ist einmal mehr eindrücklich. Durch den Regen wurde es notwendig, die Abwasser-Kanäle vom Unrat zu befreien, damit das Wasser, das in kurzer Zeit in grossen Mengen vom Himmel fällt, abfliessen kann. Statt den Müll zu entsorgen, wird er in stinkenden Haufen am Strassenrand deponiert. Unzählige Fliegen schwirren da herum und Ziegen und Hühner suchen sich essbare Reste aus dem Angebot. Es ist wirklich sehr gruusig, aber die Leute hier scheint diese Praxis nicht zu stören. Sobald die Haufen etwas abgetrocknet sind, werden sie angezündet und schwupps, ist der ganze Müll entsorgt!
Das Sportprogramm wird allseits geschätzt und auch die Lehrpersonen geben alles. Teacher Bella ist im Tor in ihrem Element! Leider wird ihr Einsatz für einmal nicht belohnt, denn sie holt sich nach einer unguten Landung eine Zerrung am Fuss. Der improvisierte Erste-Hilfe-Koffer bietet leider keine brauchbare Unterstützung: Ein paar Pflästerli, ein Bund Watte und einige Gummihandschuhe sind alles, was der Kartonkoffer enthält. Auch hier wird sichtbar, wie knapp das Verbrauchsmaterial ist, auch die medizinische Basis-Ausrüstung für die Schule ist wirklich sehr unzureichend!
Leider beginnt es kurz vor vier Uhr zu regnen wie aus Kübeln. Schnell flüchten wir uns in den bedachten Raum neben dem Sportplatz und warten, bis das Gröbste vorbei ist. Dann machen wir uns auf den Rückweg zur Schule. Teacher Bella kann kaum gehen vor Schmerzen. Der Weg ist uneben und glitschig, was das Ganze nicht einfacher macht. Wir beschliessen, den längeren, aber befestigten Weg zurück zur Schule zu nehmen. Wir werden immer wieder von heftigen Regenschauern heimgesucht, so dass wir dann jeweils unter einem Vordach wieder eine Pause einlegen müssen. Einmal gewährt uns die Putzfrau einer anderen Schule Unterschlupf im überdachten Eingangsbereich. Interessiert schauen wir uns in dieser Schule um und auch der Schulleiter, der in unserer Gruppe mit dabei ist, fotografiert die Stundenpläne und das Fächerangebot. Eine unverhoffte Gelegenheit für Konkurrenz-Spionage!
Als wir endlich in der Schule ankommen, ist es bereits fast fünf Uhr. Unser Fahrer Anderson hat beinahe eine Stunde lang auf uns gewartet. Als ich mich sehr für unsere Verspätung entschuldige, weiss er gar nicht so genau, weshalb ich das tue. Afrikanische Zeitplanung ist immer relativ: I love it!



Den Abend verbringe ich mit Packen und zum letzten Mal fülle ich die Waschmaschine mit schmutziger Wäsche. Das war es also mit dem ersten Teil meiner Kenia-Zeit. Ich bin etwas wehmütig, aber insgesamt bin ich sehr glücklich, diese vier Wochen im Slum von Kibra, in der Watu Moja Lee Academy mit den tollen Lehrpersonen und den fantastischen Kindern aus der ärmsten der armen Schicht Kenias verbracht zu haben. Es lehrt mich, die Menschen als solches zu wertschätzen, ganz unabhängig von ihrer Herkunft, Religion und Hautfarbe. Wir sind, was wir sind: Menschen. Und wir leben, mit dem, was uns zur Verfügung steht und machen das Beste daraus. Zugang zu Bildung verbessert die Chancen auf Fortschritt und ermöglicht ein tiefes Bedürfnis nach Entwicklung, das in jedem von uns vorhanden ist. Es ist mir von Neuem bewusst geworden, wie privilegiert wir in der Schweiz sind, weil die Haltung, "Bildung für alle" für jeden, auch für die Regierung, hoch geschätzt und selbstverständlich und der Schulbesuch für alle gewährleistet ist.