Woche 7 - Weekend
Samstag
Der heutige Tag steht nochmals ein bisschen im Zeichen des Abschied-Nehmens. Yannic und ich laden unsere Freunde Wafula und Vivien, sowie unsere liebe Kiswahili-Lehrerin Suprine zu uns in die Wohnung ein, um nochmals etwas Zeit miteinander zu verbringen. Es gilt also, die Vorbereitungen zu treffen und zum letzten Mal spazieren wir durch die vertraute Strasse zur T-Mall, "unserem" Supermarkt, der etwa eine Viertelstunde zu Fuss von unserer Wohnung entfernt ist. Wir kaufen frische Tomaten, Ananas und Avocado, Brot, Bier und Chips ein. Ausserdem haben wir noch Spaghetti, Tomatensauce und zwei Flaschen Wein im Vorrat. Das gibt ein gutes Abschieds-Mahl!
Um halb eins ruft mich Wafula an. Die drei stehen am bewachten Eingangstor und müssen von mir persönlich abgeholt werden. Die Sicherheit im Compound geht vor, da kommt also niemand so ohne erwiesene Erlaubnis rein!
Wir geniessen das friedliche Zusammensein, reden, lachen, spielen Karten und schauen YouTube-Videos auf dem riesigen Fernseher. Nach einer ausgiebigen Foto-Session koche ich die Tomatensauce, Yannic kümmert sich um die Spaghetti und deckt den Tisch. Dass ein Mann in der Küche oder im Haushalt hilft, wenn die Frau da ist, kommt in Kenia nicht infrage. Wafula beteiligt sich denn auch gar nicht an diesen Arbeiten. Ich frage bei den beiden Frauen nach, ob sie das nicht stört. Suprine erklärt mir, dass die Männer schon bereit sind, im Haushalt etwas zu tun, wenn die Frau nicht da ist. So bleiben denn die Damen einfach ein wenig länger an der Arbeit oder in der Kirche, bis angenommen werden darf, dass die Kinder versorgt und das Essen bereit ist. Erst dann kehren sie nach Hause zurück. Schlau! Vivi ergänzt, dass es oft einfacher ist, die Arbeiten selber zu verrichten, weil das Hinterherräumen viel mehr zu tun gibt, als wenn die Frauen die Arbeit direkt selber erledigen... Ich merke schon, dass ich auch in dieser Hinsicht verwöhnt bin mit meinem Mann und unserem Sohn. Da machen alle alles im Haushalt, für mich passt das so prima!
Yannic meint es gut mit den Spaghetti - es gibt einen RIESIGEN Topf voll Nudeln mit Sauce, Rüeblisalat, Gurken und Avocado. Dazu das obligate heissgeliebte, laberige Toastbrot, das die KenianerInnen gern zu jeder Mahlzeit geniessen. Ich staune über den Appetit unserer Gäste. Alle nehmen sich zweimal grosse Portionen und im Nu ist der Topf bis auf einen kleinen Anstandsrest leer geworden. Zwar ist das Essen mit der Gabel eine Herausforderung, aber alle drei lassen sich nichts anmerken und ohne die Spaghetti zu zerschneiden, werden sie auf die Gabel gepackt und schnell im Mund verschwinden lassen. Normalerweise essen sie mit den Händen. Aber da wir die Gastgeber sind, passen sie sich höflich unserer Gepflogenheit an. Satt und platt liegen wir dann auf dem Sofa und lachen über unsere vollen Bäuche! Das ist etwas, das die drei Freunde aus Kibra nur selten erleben. Sie schätzen unsere Einladung und die Grosszügigkeit der aufgetischten Speisen. Als es langsam dunkel wird, weil wieder Regenwolken aufziehen und die Nacht einbricht, möchte Suprine gern nach Hause zurückkehren. Selbst ihr ist es im Dunkeln in Kibra nicht ganz wohl und ihr Heimweg ist lang. Trotzdem lässt es sich Wafula nicht nehmen, noch eine letzte Ansprache zu halten und auch alle Anwesenden um eine Ehrung des Anlasses zu bitten. Es folgen Ehrungen der Freundschaft, des Essens und des Zusammenseins; mal kürzer (Suprine und Yannic), mal ausschweifender (Wafula, Vivi und ich). So dauert es nochmals eine halbe Stunde, bis die drei dann endlich aufbrechen können. Mit einem Motorrad kehren sie nach Kibra in ihre Hütten zurück. Ich hoffe sehr, dass wir uns eines Tages wiedersehen!



Sonntag
Früh am Morgen werde ich von Ahmed im grossen Auto von Sebi abgeholt. Zusammen fahren wir zum Flughafen, um meine Familie abzuholen. Ich freue mich sehr über ihre Ankunft hier in Nairobi!
Pünktlich um 07:10 Uhr landet das Flugzeug - bis die beiden dann aber aus dem Flughafengebäude kommen, dauert es eine ganze Stunde, die Ahmed und ich draussen in Wind und Regen (aber immerhin unter Dach) verbringen. Wir reden über dies und das und die Zeit vergeht recht schnell - trotzdem zu langsam! Endlich sehe ich die beiden und nach der Begrüssung und dem Einladen des Gepäcks fährt uns Ahmed durch den Slum in die Schule. Ich merke, wie beeindruckt mein Mann und mein Sohn sind und ich erinnere mich an meine eigene Ankunft und ersten Eindrücke von Kibra. Wie schnell ich mich an die Tatsache von Armut, Abfall und Gewusel, schlechte Strassen und Menschen überall gewöhnt habe, wird mir gerade sehr klar bewusst.
Natürlich ist die Schule ohne Kinder nicht, wie sie sonst ist. Aber um einen Augenschein zu nehmen und einen Eindruck zu gewinnen, wo ich die letzten Wochen meine Zeit verbracht habe, besuchen wir die Watu Moja Lee Academy trotzdem kurz. Dushi schliesst das Tor auf und wir besichtigen die Räumlichkeiten der Schule. Alles ist sauber und aufgeräumt - meine Familie bemerkt und estimiert das. Die sanitären Anlagen hingegen sind eine Katastrophe. Jetzt, wo der Regen kommt, ist es zudem rutschig und das Wasser im Entwässerungsgraben stinkt nach Fäkalien - da möchte man wirklich nicht hineinfallen! Genau das ist aber die Gefahr, vor allem für die kleinen SchülerInnen der PP1 und PP2. Eine bauliche Massnahme ist unbedingt notwendig, um das "stille Örtchen" auch als "sicheres Örtchen" gelten zu lassen. Mit meinem Abschiedsgeschenk an die Schule werde ich hier helfen, zu investieren. Es ist jetzt nicht gerade sehr präsentabel, sanitäre Anlagen mitzufinanzieren, aber die Notwendigkeit ist offensichtlich und so ist es eine sinnvolle Investition, die gut gebraucht werden kann.



Nach der Besichtigung der Schule fahren wir zur Wohnung. Yannic begrüsst uns mit einem Mangosaft. Ahmed ist im Ramadan, darum verschieben wir das Frühstück, bis die Geschenke von Susi verteilt sind und Ahmed sich verabschiedet.
Ein paar Toastbrote (aus dem Toaster!) später legen wir uns alle nochmals kurz aufs Ohr. Den ganzen Tag verbringen wir friedlich gemeinsam auf dem Sofa - das Neue, was ich heute lerne, ist Pizza über UBER EATS zu bestellen! Das klappt prima und wir lassen uns das Essen aus dem Karton genüsslich schmecken!
Morgen geht es früh um fünf Uhr los, auf ins nächste Abenteuer! Ich freue mich auf alles, was kommt - und ich bin so froh, noch ein Weilchen in Kenia bleiben zu dürfen!