Woche 7 - Dienstag, 21.3.23
Der Regen ist endlich gekommen! In der Nacht auf heute ist die Stadt gewaschen worden und präsentiert sich jetzt frisch und sauber. Ein guter Start in die zweite Etappe in der Schule.
Es ist schön, nach dieser langen Zeit wieder zurück in der Watu Moja Lee Academy zu sein. Es fühlt sich an, wie es sich nach den Ferien zurück in der Schule immer anfühlt: Was mache ich jetzt als erstes? Wie sind die Schülerinnen und Schüler wohl zwäg? Wo sind wir vor den Ferien eigentlich stehen geblieben und wie geht es jetzt weiter? Und kaum in der Schule, ist es dann einfach klar. Eins gibt das andere und ohne es zu merken, ist man wieder mittendrin!
Natürlich sind die Unruhen von gestern ein Thema. Die Leute in Kibra waren hautnah dran und haben die Verfolgungsjagd der Polizei und der Demonstrierenden in den Strassen und Gassen des Slums zum Teil mit eigenen Augen gesehen. Es heisst, dass es nun jeden Montag zu solchen Ausschreitungen kommen wird, bis die Regierung und die Opposition eine für alle akzeptable Lösung für die diversen Forderungen finden. Die Schulleitung ist besorgt, denn wenn nun jede Woche der Montag als Schultag wegfällt, werden die Schulen am Samstag offen bleiben müssen, um die fehlenden Montage zu kompensieren. Das wäre natürlich eine grosse Umstellung, aber notwendig, damit für die Schülerinnen und Schüler kein Bildungsnachteil entsteht.
Ich verbringe Zeit mit der 3. Klasse und zeige den Kindern die Mini-Lük-Spiele. Schnell merken die Schülerinnen und Schüler, wie das System funktioniert. So machen Englisch und Mathe richtig Spass! Ganz egal, ob die Aufgaben einfach oder etwas schwieriger sind: Die Begeisterung für die Sache ist gross und Teamarbeit wird auch geübt. Denn ich habe lediglich 6 Mini-Lük-Kästen mitgebracht. Je 2-3 Kinder müssen sich also einen teilen. Das ist nicht sehr attraktiv, aber die Kinder machen das toll!
Eine Lektion Kiswahili in der 6. Klasse mit Teacher Zenet eröffnet mir die Endungen von zählbaren und unzählbaren Nomen im Singular und Plural. Ihre übersichtliche Darstellung vereinfacht das Lernen auch für mich! Die Kinder der 6. Klasse wünschen sich von mir Unterricht in Deutsch. Ich verspreche ihnen, dass ich das morgen mit ihnen üben werde.
Nach einer Stunde "Seitenwechsel", in der ich die Schülerin und nicht mehr die Lehrerin bin, nämlich in der täglichen Lektion Kiswahili mit Teacher Suprine, ist auch schon wieder Mittag. Von 12:30 - 14:00 Uhr essen die SchülerInnen Lunch aus der Schulküche und arbeiten an ihren Hausaufgaben.In der Mittagspause ist meist auch noch Zeit, um ein Kartenspiel zu spielen. Heute bleiben wir dafür im Staff-Room, denn auch die Lehrpersonen sind begeistert von unseren Jasskarten. Das ist ein Riesengaudi, die Lehrpersonen sind ehrgeizig, aber auch sehr humorvoll - da wird kommentiert und lamentiert, genau so, wie es beim Jassen eben sein soll!
Um 13:20 geht es dann für mich bereits weiter. Die Coaching-Lektion findet nun regelmässig für die beiden Gruppen im Wechsel zweimal pro Woche in der Mittagspause statt. Die Jugendlichen von heute sind erst das zweite Mal dabei. Zuerst sind sie noch etwas unsicher, wir wiederholen zuerst die "sounds" - das heisst, die Klänge der einzelnen Buchstaben im englischen Alphabet. Dann repetieren wir, woran sich die SchülerInnen erinnern von der angefangenen Geschichte. Und dann lesen wir in der Methode des reziproken Lesens weiter. Teacher Jeremiah kopiert für alle Lernenden aus dem von mir besorgten Lesebuch die aktuellen Seiten, so dass alle den Text vor sich haben. Das Lesetempo ist sehr gemächlich. Viele Begriffe sind unklar, weil das sogenannte "Weltwissen" der Kinder klein ist. Ihre subjektiven Erfahrungen beschränken sich auf einen engen Erlebnisradius, viele von ihnen sind noch nie ausserhalb des Slums gewesen. Aber genau das ist ja der Vorteil am Coaching: Wir können uns hier Zeit nehmen, alle Fragen zu klären, es gibt nichts, was man nicht fragen darf. So möchte ich die Kinder auch ermutigen, sich zu melden, wenn etwas nicht klar ist. Ich möchte, dass diese stillen, unsicheren Kinder ihre Stimme kennenlernen, sich daran gewöhnen, sich selber sprechen zu hören. Denn diese Kinder gehen in der Klasse meist unter und verstummen, weil sie dem Tempo der Klasse nicht folgen können und somit auch im Unterricht nichts beitragen können. Oder noch schlimmer, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie nur das Falsche sagen, wenn sie sich melden und sich darum gar nicht mehr getrauen, sich zu beteiligen. Hier in der Coaching-Gruppe wird alles zur Sprache gebracht. Und wenn immer möglich, sollen diese Lernenden erleben, dass sie etwas beitragen können, zum Beispiel eine Frage zu stellen, eine wichtige Stelle im Text zu erkennen oder sich vorzustellen, wie die Geschichte wohl weitergehen könnte. Das Schreiben wird geübt, indem nach jedem Abschnitt eine Kurzzusammenfassung im Heft aufgeschrieben wird. Es wird besprochen, wie der Satz lauten soll und alle schreiben dann denselben Satz auf. So entsteht Abschnitt für Abschnitt eine komplette Zusammenfassung des Gelesenen. Und die SchülerInnen gewöhnen sich daran, in einem Lesetext Abschnitte zu machen, innezuhalten, sich zu überlegen, was sie gelesen haben und was davon die wichtigste Aussage ist. Diese kann dann festgehalten werden. Die Frage, wie es wohl weitergehen wird, motiviert zum Weiterlesen. Denn es gilt ja zu überprüfen, ob die Annahme richtig war!
Die Lehrpersonen, die mich in diesem Coaching-Projekt unterstützen und es weiterführen werden, wenn ich nicht mehr in der Schule bin, sind jedenfalls begeistert von der Idee und auch der Umsetzung der Coachings. Und die Kinder fühlen sich wohl und die Zeit vergeht für die meisten immer zu schnell! Schön, das zu hören!
Der Nachmittag vergeht schnell, ich schaue bei den 4. und 5. Klässlern zu und assistiere bei einer Mathe-Lektion. Die hiesige Methode für zweistellige Multiplikation finde ich sehr gut. Ich erweitere durch die Hospitationen meine Methodenvielfalt in vielen Fächern!
Nach der Schule fahren Yannic und ich mit unserem Fahrer Anderson in seiner Ghetto-Rat (einem kleinen Minibus, mit dem vor allem in Kibra die Leute von A nach B transportiert werden) aus dem Slum zu meinem Wohnblock. Die Abende verbringe ich mit Lesen, Kiswahili-Ufzgi, Tagebuchschreiben und auch hie und da mit einem Film auf Netflix. Jedenfalls ist es mir nie langweilig und wenn kein Strom da ist, gehe ich früh zu Bett. Auch das ist wunderbar!

Morgenstimmung, fotografiert um 6:15 Uhr aus dem Fenster meiner Wohnung im 8. Stock