Woche 5 - Weekend
Samstag
Zuerst ist heute Ausschlafen auf dem Programm. Nach einem friedlichen Frühstück, bestehend aus Yoghurt mit frischen Mango- und Orangenschnitzen und einem süssen Schwarztee mit viel Milch, wie ihn die KenianerInnen gern trinken, bin ich bereit für ein neues Abenteuer.
Ich bestelle ein UBER, das mich in die Stadt ins Nationalmuseum bringt. Mittlerweile klappt das schon ganz gut mit mir und UBER!
Das Kenya National Museum ist gut bestückt mit Ausstellungsstücken zu Kenias Flora und Fauna sowie zur Geschichte der Zivilisation, beginnend bei der "Krippe der Menschheit", als die sich Afrika versteht.
Es ist mir ein bisschen mulmig zumute, als weisse Person die Ausstellung über die Kolonialisierung zu besuchen, da schwingen keine guten vibes! Es tut mir sehr leid, wie die europäische Gesellschaft mit Afrika in dieser Zeit umgegangen ist. Es ist so viel Ungutes passiert, das sich noch heute sehr deutlich im Leben der Menschen hier widerspiegelt.
Bei den Tieren ist mir da wohler. Die Vogelwelt in Kenia ist atemberaubend vielfältig und schön. Und die Säugetiere habe ich zum Teil im Nairobi Nationalpark letzte Woche bereits "in echt" gesehen. Nun bekomme ich noch die Hintergrundinfos dazu!
Beeindruckt bin ich von den exakten und feinen Zeichnungen und Bildern der Tier- und Pflanzenwelt Kenias und auch der Portraits verschiedener VertreterInnen aller Volksstämme, welche von Joy Adamson in den 30 - 70er-Jahren des 20. Jh erstellt worden waren. Adamson gilt bis heute als Pionierin des modernen Tierschutzes, da sie als erste Person in Kenia eine Wildtier-Station gründete, mit der Idee, Nachkommen der Tiere in Gefangenschaft wieder in die freie Wildbahn zu re-integrieren. Sie zeichnete und malte Tiere und Pflanzen, bevor sie auch die Menschen der verschiedenen Stämme in Kenia portraitierte. Die Sammlung ist umfassend und auch in verschiedenen Büchern zusammengefasst worden. Ihre grössten Erfolge feierte sie als Schriftstellerin mit der Veröffentlichung der Bücher "Born free", "Living free" und "Forever free", in denen sie, angereichert mit vielen Fotos, die Aufzucht, das Zusammenleben und die Auswilderung von Löwen, Geparden und Leoparden schildert. Ein Besuch im Nationalmuseum ist auch online möglich.
https://artsandculture.google.com/story/8wUBPCHm72TXsg




Neben dem Nationalmuseum befindet sich das Schlangengehege. Da ich nun schon hier bin, besuche ich auch die Reptilien, Amphibien und Fische in dieser Einrichtung. Irgendwie ist es kein richtiger Zoo, dafür ist er viel zu klein. Die Gehege für die Schildkröten sind noch schön, die Schlangen, Echsen und Fische leben hinter trübem Glas und die drei Krokodile haben leider kein gutes Los gezogen. In einem Betonbecken mit einer Pfütze fauligem Wasser dösen sie dahin. Immerhin sind die Wände mit grünen Pflanzen bemalt - aber tierfreundlich ist das trotzdem noch nicht.




Möglicherweise wurde eine African Python getötet - die anhaltende momentane Dürre macht nämlich Land, Leuten und Tieren zu schaffen!
Die Sitzbänkli haben mir sehr gefallen!
Sonntag
Dieser Sonntag wird ein sehr besonderer. Wafula, der Sportlehrer der Watu Moja Lee Academy, hat Yannic und mich eingeladen, mit ihm einen Spaziergang durch Kibra zu machen. So treffen wir ihn kurz nach zehn Uhr am Sonntagmorgen beim Eingang zur Schule. Als erstes winkt Wafula (sprich Uafula) ein Motorrad zu uns und zu dritt (!!) setzen wir uns hinter den Fahrer. Wenn etwas gefährlich ist, dann mit so einem Wahnsinnigen durch die schlagloch-übersähte Schotterstrasse zu fahren in rasantem Tempo mit unerhörten Überholmanövern! Wir lachen unsere Besorgnis weg, Wafula versichert uns, der Fahrer wisse, was er tue und er sei ein Freund von ihm. Von links und rechts lachen auch die übrigen Leute und hier und dort hören wir "Mzungu", das heisst so viel wie "weisser Mensch". Die Fahrt endet abrupt. Wir gehen durch die engen Korridore, vorbei an Müll, Verkaufsständen, biegen links und rechts ab, überqueren Abwassergräben, die zum Himmel stinken, grüssen entgegenkommende Bewohner der Hütten und Unterstände, an denen wir vorbeikommen, bis Wafula schliesslich einen Schlüssel zückt, ein grosses Metalltor aufschliesst und uns in einen sauberen, grosszügigen Hof treten lässt. Den Hof säumen viele "Einruam-Wohnungen" auf zwei Etagen, die von verschiedenen Einzelpersonen und Familien bewohnt werden. Wafulas Schwester Viviane ist schön angezogen und bereit, in die Kirche zu gehen. Wir begleiten sie auf dem Weg dahin und sitzen dann auch selber auf die Plastikstühle, die in Reihen in der Wellblechkirche aufgestellt sind. Der Gottesdienst ist in vollem Gange. Es wird lautstark gepredigt in zwei Sprachen, Englisch vom Pastor, Swahili vom Übersetzer, der nicht weniger engagiert die Gestik und Lautstärke des Originalsprechers wiederholt. Es gibt Musik, von zwei Keyboardspielern, einer fünfköpfigen Chorformation und der Gemeinde, die alle begeistert mehrstimmig und laut mitsingen. Es ist fantastisch!
Nach dem zweistündigen (insgesamt bis zu vierstündigen) Service bekommen wir eine Privatunterhaltung mit Pastor Gilbert. Er möchte alles über uns wissen und wir erfahren vieles über seinen Werdegang und den der Kirche. Es ist ein spannender, philosophischer Austausch bei dem es natürlich auch um die harten Lebensbedingungen der Brüder und Schwestern in Kibra geht und darum, wie wichtig die Haltung den Herausforderungen gegenüber ist, um einen tagtäglich zum Weitermachen zu bewegen.
Wir spazieren danach mit Wafula zurück zu seinem Zuhause. Vivian ist vorausgegangen und hat bereits mit der Zubereitung des Lunch begonnen. Sie kocht in ihrem kaum 10 Quadratmeter grossen Wohnraum ein Menü aus Ugali (Maisbrei), Mangold und Spiegeleiern. Dazu gibt es Avocados und Bananen zum Dessert. Gegessen wird mit den Händen. Es schmeckt super!
Frisch gestärkt machen wir uns dann etwa um halb zwei auf den Weg. Wafula führt uns durch enge Gassen und breite Strassen, die gesäumt sind von Abfall, Ziegen, Hunden und Menschen überall. Vielerorts riecht es nach Rauch und verbranntem Plastik - die kenianische Abfallentsorgung ist das Anzünden jeglicher Abfallberge, wo sie gerade anfallen.
Wir wandern entlang grosser Strassen, auf denen schwerbeladene, schwarzrussende Lastwagen nur wenig neben uns vorbeidonnern. Mir ist es dann recht, als wir diese Strasse überqueren und in ein ruhigeres Gebiet eintauchen: den Friedhof! Auch diesen lassen wir uns nach einer kurzen Einführung zum Umgang mit den sterblichen Überresten der Menschen durch den zufällig anwesenden Friedhofswart hinter uns. In Kenia darf man seine Familienmitglieder auf dem eigenen Grundstück begraben. Möchte man einen Platz auf dem Friedhof haben, zahlt man entweder für permanente Anwesenheit des Grabes mit Grabstein und allem etwas mehr Geld, oder etwas weniger für ein non-permanentes Grab ohne ersichtliche Erinnerung an die verstorbene Person. Dies ist die häufigere Version, weil in Kibra nur wenig Leute eigenes Land besitzen und auch kein Geld haben für ein permanentes Grab für ihre Angehörigen.
Wir überqueren eine grosse weite Fläche, die eigentlich grün wäre und ein beliebtes Ausflugsziel zum Spielen und Picknicken ist für Familien. Uns präsentiert sich eine trockene Einöde, die nicht gerade zum Verweilen einlädt.
Kurz darauf beginnt der Ngong Forest. Wir streifen auf einem schmalen Pfad durch Buschland, mir graut ein bisschen vor Schlangen- Kann gut sein, dass sie hier leben, meint Wafula. Wir sehen dann aber nur kleine Alamy. Wir meinen zuerst, es seinen Hasen, aber die Beine sind dann doch zu lang... und Affen.
Nach weiteren vielen Schritten kommen wir wieder in urbanes Gebiet. Vivian lädt uns ein, ihren Shop in der Nähe (nur noch eine halbe Stunde weit weg) zu besuchen. Sie verkauft Kleider für Damen und Herren. Bis wir dort sind, ist es aber schon am Eindunkeln und von den vielen Kleidern, die sie in knapp drei mal drei Metern kleinen Shop anbietet, ist nicht viel zu erkennen. Ich verspreche, vor meiner Abreise nochmals vorbeizukommen. Yannic verabschiedet sich hier und fährt mit UBER zu sich nach Hause.
Um halb acht kommen wir zu Fuss bei mir zuhause an. Dass meine zwei BegleiterInnen noch hoch zu mir kommen, ist für mich keine Frage. Liftfahren ist aber schon unbekannt und Wafula staunt darüber, wie man ohne sich zu bewegen zu schnell im 8. Stock ankommen kann.
Es ist mir ein bisschen unangenehm, als die beiden grosse Augen machen ob der grossen Wohnung, die ich für mich alleine zur Verfügung habe. Auf dem Sofa essen wir Orangen und trinken Wasser aus dem Kühlschrank und unterhalten uns auch noch nach den vielen Stunden gemeinsamen unterwegs sehr angeregt.
Dieser Sonntag ist etwas ganz Spezielles, weil ich wieder neue Facetten vom Leben in Kibra entdecken gesehen habe, Menschen getroffen habe, die mich beeindrucken und sich Freundschaften angebahnt haben, die sich halten könnten.


Auf dem Weg zur Kirche in Kibra In der Kirche

Vivian schwingt den Kochlöffel in ihrer Mini-Küche
Abfall überall und Wellblechhütten, soweit das Auge reicht

Wafula Freunde ->
Früchtestand und sonst so allerhand am Wegesrand

Mittagessen gekocht von Vivian: sehr lecker!







