Woche 13, 2.- 6.4.2023
Praktikum beim Imker in Müllheim
Aus Rücksichtnahme auf meine Gesundheit und die meines Imker-Mentors kann ich mein Praktikum bei ihm erst am Donnerstag dieser Woche antreten. Die Tage bis am Samstagmittag sind aber gut gefüllt und ich bekomme einen sehr interessanten und umfassenden Eindruck davon, was ein Berufsimker mit eigenem Imkereibedarfs-Geschäft alles unter einen Schleier* bringen muss! *Fachausdruck für den Imker-Hut mit integriertem Bienenschutz
Donnerstag
Am Morgen arbeiten wir in der Wachs-Küche. Der Imkereibetrieb beinhaltet auch eine Wachs-Aufbereitiungsanlage, in welcher Altwachs in vielen einzelnen Schritten eingeschmolzen, gereinigt, sterilisiert und wieder zu Wachsmittelwänden in allen gewünschten Massen verarbeitet wird. Die Vorgänge sind aufeinander abgestimmt und müssen ständig überwacht werden in punkto Temperatur und anderen Einstellungen. Ich staune, wie viele Handgriffe nötig sind, damit dieses eingespielte Team Maschine-Mensch funktioniert. Damit für die Kunden aus deren Altwachs betriebsinterne Wachskreisläufe garantiert werden können, muss die ganze Vorrichtung jeweils zwischen zwei verschiedenen Chargen sauber gereinigt werden. Das ist aufwändig, lohnt sich aber ab einer Menge von 30kg Altwachs. Die neuen Mittelwände werden auf das Wunschmass produziert und kiloweise verpackt und verkauft.












Sobald die Temperaturen die Arbeit an den Bienen zulassen, bewegen wir uns nach draussen zu den Ständen. Im Bienenstand auf der Belegstation werden Bienenvölker gehalten, welche vor allem sanftmütig sind und zur Drohnenzucht gebraucht werden. Auf die Belegstation werden nämlich junge Zuchtköniginnen gebracht, die sich noch auf den Begattungsflug aufmachen. Da sind viele nette Drohnen gefragt!
Wir schauen einige der Völker durch, reichen Mittelwände nach und setzen Honigraum auf, damit die Völker genügend Arbeit haben und auch Platz für den von uns so geschätzten Honig. Wir bilden aus vier starken Völkern zwei Ableger, indem wir Brutwaben mit Brut in allen Stadien aus drei Völkern in einen Ablegerkasten umhängen, eine Futterwabe und eine Brutmittelwand hinzufügen und somit ein neues Volk gründen, das sich nun zu einem Wirtschaftsvolk entwickeln kann. Die zwei Jungvölker darf ich bei mir im Bienenstand in Müllheim ansiedeln. Auf dass sie gut gedeihen mögen!
Auf dem Rückweg zeigt mir der Imker noch einen Teil seiner Bienen, die er in Einzelkästen, sogenannten Magazinen, für einen Bestäubungsauftrag in einer Blaubeeranlage platziert hat. Der Betreiber der Anlage bezahlt den Imker dafür, dass dieser seine Bienenstöcke herbringt und die Bienen die Blüten bestäuben lässt. Nach der Blütezeit werden die Bienen wieder abtransportiert. Bienen sind sortenstete Bestäuberinnen, das heisst, dass sie an einem Flugtag immer dieselbe Blütensorte anfliegen, was in Obstanlagen natürlich von Vorteil ist. Hummeln und Wildbienen fliegen verschiedene Blüten an. Für die Bestäubung und Befruchtung der Blüten verschiedener Pflanzen ist dies natürlich nicht gewinnbringend.
Freitag
Am Freitagmorgen arbeiten wir wieder in der Wachsverarbeitung. Ausserdem bereitet der Imker für eine grosse Bestellung Honig vor, indem er ihn zur Abfüllung auf 32 Grad erwärmt und somit verflüssigt. Der grosse Kessel verfügt über einen Thermostat und auch ein Rührwerk, welches die entstehenden Zuckerkristalle zerkleinert. Der Honig wird dadurch sämig in der Konsistenz und ein erneutes Auskristallisieren wird vermindert.
Den Nachmittag verbringen wir erneut in der Blaubeeranlage, wo wir die einzelnen Beuten kontrollieren, bei starken Völkern Mittelwände dazugeben und Brutwaben entnehmen, um damit ein Jungvolk zu bilden.
Dieses bringen wir dann zum Lehrbienenstand in Müllheim. In diesem grossen Bienenhaus werden einerseits Bienen gehalten, andererseits dient das Haus als Clubhaus mit einem Schulungsraum für imkerliche Aus- und Weiterbildungsanlässe des Vereins Thurgauischer Bienenfreunde (vtbf.ch), von welchem ich als Aktuarin im Vorstand mitarbeite.
Nachdem das Jungvolk platziert ist, beobachten wir an einer nahestehenden Tanne hohes Flugaufkommen. Ein Schwarm Bienen lässt sich da offenbar gerade erst nieder. Wir kontrollieren die Flugbretter der Vereinsbienen. Da fällt dem Imker ein Klümpchen Bienen vor einem Magazin-Kasten auf: Tatsächlich krabbelt da eine Königin durch das Gras! Der Imker nimmt die Königin in die Hand, Königinnen sind sehr stechfaul und sowieso eher träge Geschöpfe. Das entflohene Oberhaupt des Volkes wird in einen Plastikkäfig gesteckt und mit Futter verbarrikadiert. Den Käfig hängen wir in eine Schwarmkiste, so dass es für das Volk ein Leichtes ist, diese als neue Behausung inklusive Königin und deren betörenden Pheromonen anzunehmen. Die Schwarmkiste stellen wir unweit vor dem Magazin des Ursprungsvolkes auf. Nun hoffen wir einfach, dass das Volk sich umentscheidet und lieber zur Königin in die Schwarmkiste krabbelt, als in luftiger Höhe in der Tanne für uns Imker unerreichbar und somit verloren zu bleiben.
Mein Mentor möchte mir auch noch seinen anderen Bienenstandort zeigen. Auf dem Weg dahin stossen wir auf einen Standort mit einigen verwahrlosten Bienenbeuten. Es fliegen nur wenige Bienen ein und aus und die Bienenstöcke sehen ungepflegt aus. Das sollte es wirklich nicht mehr geben! Als Bienen-Inspektor macht sich mein Mentor hier wirklich Sorgen, ob die Bienen gesund sind, denn die Völker scheinen in keinem guten Zustand zu sein. Es ist heikel, Bienen sich selbst zu überlassen, da sich Krankheiten entwickeln und durch räuberische Bienen, die wegen des vorhandenen Futters in den Beuten angelockt werden, verbreiten können. Krankheiten in schwachen Völkern können sich auf räuberische Bienen übertragen, diese wiederum tragen die Erreger in ihre eigenen Völker. So passiert es schnell, dass ganze Bienenstände mit gesunden, starken Völkern durch lausig gepflegte oder vernachlässigte Völker zugrunde gehen. Da ist es die Pflicht der Bienen-Inspektoren, mit den fehlbaren Imkern in Kontakt zu treten und sie auf die Missstände hinzuweisen und auch Konsequenzen aufzuzeigen, die ungenügende Pflege der Völker für andere Bienen und deren Halter haben können.
Auf dem Stand meines Mentors ist alles in Ordnung. Als wir wieder vom Stand wegfahren, fällt dem geschulten Imker-Auge der dicke Stamm einer Hundsrose am Strassenrand auf. Tatsächlich hat sich hier ein Schwarm Bienen angesammelt! Mit der richtigen Ausrüstung ist es ein Leichtes, die Bienen vom Stamm in die Schwarmkiste zu wischen. Zum Glück gelingt es auf Anhieb, die Königin in den Kasten zu bekommen. So wird der Deckel aufgesetzt und die Bienen sollten nun durch das Schlupfloch von aussen hinein zur Königin krabbeln. Die Kiste lässt man stehen, bis es eindunkelt. Dann wird der Schwarm für einige Zeit an einem dunkeln, trockenen Ort in Quarantäne genommen, bevor er dann als neues Volk auf neuen Mittelwänden in einen Kasten, natürlich nicht ohne entsprechende Fütterung und viel Liebe, einlogiert wird.
Später am Nachmittag fahren wir erneut zur Belegstation. Dort gilt es, die Überreste der gefällten Tannen aufzuräumen und zu Holzschnitzeln zu verarbeiten. Mit vereinten Kräften einiger freiwilliger HelferInnen ist die Arbeit rasch erledigt. Danach bleibt Zeit für eine Wurst vom Feuer und ein Imkerbier am Holztisch unter freiem Himmel. Gerade noch vor dem grossen Niederschlag brechen wir auf. Die Tage beim Imker sind schon sehr lehrreich und vielseitig!
Samstag
Um acht Uhr treffe ich den fleissigen Imker bereits wieder in der Wachs-Küche an. Die Maschine läuft schon auf Hochtouren und ich begebe mich an den Packtisch. Die Frau des Imkers kümmert sich um den Imker-Shop (imker-shop.ch). Heute Morgen ist viel Betrieb und ich darf helfen, die Kundinnen und Kunden zu bedienen.
Vor dem Mittag fahren wir nochmals zum Lehrbienenstand, um für den Jungimker-Kurs am Nachmittag alles vorzubereiten. Am Sonntag hält der Imker an einem Anlass des Verschönerungsvereins Matzingen einen Vortrag. Er nimmt dazu ein Volk in einem Schaukasten mit, um das organisierte Leben im Bienenstock aufzuzeigen. Den Schaukasten machen wir bereit und die Königin wird gesucht und hinter ein Absperrgitter gebracht, damit sie am Sonntagmorgen früh dann schnell gefunden werden kann. Öffentlichkeitsarbeit zu leisten im Namen der Honig- und Wildbienen ist ein weiterer wichtiger Beitrag des Imkers zur Akzeptanz der Bienen in der Gesellschaft.
Die Tage mit dem Imker haben mir gezeigt, wie vielschichtig ein Arbeitstag ist und wie verschieden die Aufträge sind, die es für den Berufsimker, Ladenbesitzer und Bieneninspektor in Personal-Union zu erledigen gilt. Die Tage sind gefüllt mit Arbeiten in den vier Standbeinen Wachsproduktion, Honigproduktion, Imker-Shop und Bienenzucht und -pflege. Alle Arbeiten haben Haupt-Zeiten, alle sind abhängig von der Witterung, der Temperatur und der Jahreszeit. Alles muss aufeinander abgestimmt sein. Kundenkontakt zu pflegen ist sehr wichtig, Ansprechperson und Berater zu sein für allerlei Anliegen der Imkerinnen und Imker, Öffentlichkeitsarbeit im Dienste der Bienen zu leisten, Aus- und Weiterbildungen anzubieten, sich auskennen in Themen wie Tierschutz, Pflanzenschutz, Naturschutz in Übereinkunft mit Wirtschaftlichkeit und Nutzen, viel Fachwissen, viel handwerkliches Geschick... die Liste scheint kein Ende zu nehmen. Ich bin begeistert von so viel Herzblut und Engagement für den Beruf und für die Bienen!