Woche 7 - Donnerstag, 23.3.23

Heute wird mein Abschied gefeiert. Zwar ist es erst mein zweitletzter Tag hier, doch morgen werden Eltern zum Gespräch eingeladen und der Nachmittag ist für Sport reserviert. 

Den Morgen verbringe ich mit den ViertklässlerInnen, zuerst mit Teacher Zenet und Agricultural Education. Da geht es um die kleineren Wildtiere und weshalb sie wertvoll sind für die Menschen und die Tierwelt. Die Kinder sind kreativ und nennen alle möglichen Tiere, auch Löwen und Nashörner... gemeint sind allerdings Fledermäuse, Erdmännchen und allenfalls Affen!
Dann wird besprochen, wie die Tiere dem Menschen schaden und was man dagegen unternehmen kann, ohne die Tiere zu töten. Und weshalb man diese kleinen Tiere schätzen und schützen soll. Eine interessante, unerwartete Wendung!
Die nächste Lektion ist Science mit Teacher Wafula. Die Rede ist von den verschiedenen elektronischen Geräten, die es gibt und deren Vor- und Nachteile. Mitten in der Lektion wird der Lehrer zu einem Elterngespräch gerufen. Kurzerhand erklärt er, dass Teacher Sandra hier weiterfahren wird. Aha - denke ich und beende die Lektion so gut ich kann. Die SchülerInnen sind sehr interessiert und machen super mit. Das freut mich sehr! Die Kinder in der Schule sind allgemein wirklich unkompliziert und freuen sich immer sehr, wenn ich sie unterrichte.

Am Mittag findet nach dem Essen wieder die Coachinglektion statt. Ich freue mich, dass die Kinder zuverlässig zur Lektion erscheinen und motiviert mitarbeiten. Die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen ist toll, der Funken scheint gesprungen zu sein: Es rückt so langsam bei allen ins Bewusstsein, dass es wichtig ist, auch die Leistungen von langsameren Lernenden anzuerkennen. Der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern mit Schulschwierigkeiten wird sich an der Watu Moja Lee Academy nachhaltig ändern. Das freut mich sehr und macht mich auch ein bisschen stolz. 

Für die Nachmittagslektionen versammeln sich alle Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern der 2. und 3. Klassen, die lassen sich zu einem grossen Raum verbinden. Bis alle einen Sitzplatz gefunden haben, dauert es ein bisschen, aber dann sind alle installiert und auch die Besucher sind eingetroffen: Comedian Pro Fate und Fotograf Jackson sind hier, alle Lehrpersonen und natürlich alle Kinder der Watu Moja Lee Academy. Teacher Wafula übernimmt die Moderation des Nachmittages. Die Schülerinnen und Schüler bieten ihr Können dar: Es wird gesungen, getanzt, gerappt, geklatscht und viele Ansprachen werden gehalten. Und dies alles zu meinnen Ehren. Es ist mir schon fast ein wenig unangenehm, so viel Aufhebens und so viele lobende Worte für mich zu bekommen. 

Nachdem die jüngeren SchülerInnen um 15:30 Uhr verabschiedet und die grösseren in die Klassenzimmer zurückgekehrt sind, um ihre Hausaufgaben zu machen, versammeln wir Lehrpersonen uns für eine Schlussrunde im Büro des Schulleiters.
Jede Lehrperson erzählt, was sie in den vergangenen vier Wochen von mir gelernt hat und was sich durch meinen Besuch für sie als Person, für ihren Unterricht oder generell an der Watu Moja Lee Academy verändert hat. Es freut mich ausserordentlich, dass praktisch alle erwähnen, dass sie den Austausch mit mir sehr bereichernd fanden und sie durch mich eine neue Sichtweise auf den Umgang mit den "Timetakers" oder "Slowlearners" gewonnen hätten. Viele erwähnten die Freude der Kinder, wenn ich in die Klasse kam und wie sehr sie mich schätzten im Umgang mit den Kindern. Der Schulleiter hat anerkennend attestiert, dass ich bereits fast alle Kinder mit ihren Vornamen ansprechen würde. Er selber hätte dafür mehr als ein halbes Jahr Zeit gebraucht. Auch dies zeige ihm, wie wertschätzend ich mit den Schülerinnen und Schülern umgehe und jeden als Individuum anerkenne. Diese Haltung würde er von mir übernehmen. 

Ich denke, dass ich einiges bewirken konnte in dieser Schule, meine Anwesenheit allein gibt den Kindern und Lehrpersonen das Gefühl, wahrgenommen und gesehen zu werden. Mein Interesse und die vielen Fragen, die ich jeden Tag stelle, die Diskussionen über Lerninhalte und Methoden, die Haltung der Lehrperson gegenüber den Lernenden, die Lebensumstände hier in Kibra, die familiären Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, die hygienischen Bedingungen, die Möglichkeit, durch Spielen zu lernen, den Einbezug der Kinder als Peers und das stete Lernen voneinander, als Lehrperson und als SchülerIn, die politischen und sozialen Themen, die momentan viel Raum einnehmen, die Traditionen und die Träume und Pläne der einzelnen Menschen an dieser Schule, all das interessiert mich und ich bin dankbar für die Offenheit und persönlichen Einblicke in die Denk- und Lebensweise all meiner GesprächspartnerInnen in dieser Zeit hier in Kibra. Ich bin sehr dankbar und fühle mich reich beschenkt mit bleibenden Eindrücken, grosser Freundlichkeit und (Gast-)Freundschaft. Asante sana.

Jackson und Pro Fate nehmen Abschied von mir zusammen mit der ganzen Schule. Ich werde mit Hals- und Armschmuck beschennk und mit Liedern, Tänzen und viel Freude!