Woche 8 - Montag, 27.3.23
Ankunft Amboseli Nationalpark
Frühmorgens um 04:45 Uhr sind wir bereit mit unserem Gepäck in der Lobby der Westpoint Suites, wo ich die letzten vier Wochen zuhause war, um von unseren Safari-Guides abgeholt zu werden. Sie sind bereits da und wir können alles in dem riesigen Wagen verstauen, mit dem wir die nächste Woche unterwegs sein werden. Unser Fahrer Edward and der Guide Henry, unser königliches Duo, werden uns auf der Tour durch die Parks begleiten und uns viel Wissenswertes über die Tier- und Pflanzenwelt Westafrikas zu berichten wissen. Ich freue mich sehr!
Damit wir nicht in die erneut angekündeten Montags-Demonstrationen geraten, sind wir so früh dran, verlassen ungehindert Nairobi und bewegen uns Richtung Sonnenaufgang, also gegen Osten. Nach etwa zwei Stunden machen wir kurz Pause in einer Raststätte und der Wagen wird nochmals aufgetankt - also beide Tanks, die je 80 Liter Diesel fassen, sind nun voll und wir bereit für die grosse Reise! Als wir uns wieder auf den Weg machen, erleben wir die erste schöne Überraschung: Der Kilimandscharo (Mount Kilimanjaro) zeigt sich uns von seiner Postkarten-Seite. Mit der obligaten Wolkenkrause und dem verschneiten, flachen Peak erhebt er sich aus dem morgendlichen Dunst und sieht wunderschön aus! Wir lernen, dass der "Kili", wie wir den Berg freundschaftlich nennen, auf tansanischem Boden steht, die weltberühmte Ansicht jedoch von Kenia aus fotografiert werden muss. So hat Kenia zwar nicht den Besitzanspruch an den Berg, jedoch den vollen touristischen Gewinn davon!

Die Fahrt dauert an. Henry kauft am Strassenrand bei einem Shop Wasserflaschen für die Reise. Dann verlassen wir die befestigte Strasse und holpern, zum Glück auf gut gefedertem fahrbaren Untersatz, durch die struppige, trockene Gegend Richtung Amboseli Nationalpark. Henry und Edward diskutieren angeregt und dann schlagen sie uns vor, bei einem Massai-Dorf anzuhalten. Wir sind offen für kurzfristige Planänderungen und freuen uns auf diese ungewöhnliche Chance, Vertreter dieser Minderheit in der kenianischen Bevölkerungs-Vielfalt zu treffen.
Als wir dann dort ankommen, empfängt uns ein Massai, der sich als der Sohn des Chiefs und sein designierter Nachfolger vorstellt. Er erzählt uns in einer Kurzfassung die Geschichte seines Volkes. In der Region leben noch ungefähr 480 Massai, auf deren ursprünglichem Land wir nun stehen. In ganz Kenia und Tansania leben noch ca. 14^000 Menschen aus dem Stamm der Massai (Swahili: Wamasai). Er lädt uns ein, sein Dorf zu besuchen. Die Gebühr dafür beträgt für jeden von uns 35 Dollar, die der ganzen Masai-Gemeinschaft zugute kämen. Wir sind hin und her gerissen zwischen "Nur nicht in diese Touristenfalle tappen" und "Das ist eine einmalige Chance, die wir nicht mehr haben werden in unserem Leben" - wir entscheiden uns für die Chance, die Lebensweise dieses Volkes besser zu verstehen und kennenzulernen.
Das Dorf ist umzingelt von Dornenbüschen, welche die Raubtiere wie Löwen und Hyänen vom Eindringen hindern sollen. Die Häuser sind aus Holzgerüsten und Kuhdung, die Dächer aus Elefantengras gebaut. Die Frauen sind zuständig für den Hausbau, die Männer kümmern sich um das Vieh. Wir dürfen in ein Haus eintreten. Es ist dunkel drinnen, die Fenster sind runde Löcher und sehr klein. Es finden sich ein Kochplatz, wo auch gegessen wird, und zwei Schlafplätze im Haus. Einer ist für die Kinder, einer für die Eltern. Die Matratzen sind aus Kuh-Leder und ziemlich hart, dafür hygienisch. Die Männer dürfen mehrere Frauen haben, jede Frau hat dabei Anrecht auf ein eigenes Haus, das sie mit den Kindern zusammen bewohnt. Mehrere Frauen zu haben, ist also eine teure Angelegenheit und daher auch ein Status-Symbol.
Die Masai aus dieser Gemeinschaft reihen sich auf dem Viehplatz auf und singen ein traditionelles Lied für uns, dazu springen die Männer hoch in die Luft und die Frauen federn leicht in den Knien. Natürlich werden wir aufgefordert, mit ihnen zu hüpfen und zu springen und natürlich ist uns das eher unangenehm. Sich der Einladung zu verweigern, könnte aber auch als beleidigend aufgefasst werden, darum machen wir dann etwas beschämt mit. Ich tanze mit den Frauen und mein Mann hüpft mit den Männern - wir kommen uns wohl beide eher unbeholfen vor neben diesen grazilen Geschöpfen.
Danach zeigen uns zwei Masai-Männer, wie sie mithilfe eines Akazienholzstocks, den sie auf einem weicheren Holz reiben, Feuer entfachen. Leider ist das Holzstück etwas feucht geworden im Regen der vergangenen Tage, so dass nur ein Räuchlein aufsteigt, aber kein Feuer entstehen mag. Die Technik ist jedoch ersichtlich und wohl auch meist erfolgreich, denn Regen gibt es hier nur sehr selten!
Nach der Präsentation des Feuer-Entfachens ist der Markt bereit. Auf Tüchern präsentieren uns die Frauen den typischen Massaischmuck aus Glasperlen, Kuhhorn und schillernden Metallplättchen sowie Geschirr und andere Gebrauchsgegenstände aus ihrem Alltag. Unser Begleiter weist uns an, bei allen Tüchern etwas auszusuchen und am Schluss würde dann über den Preis verhandelt werden. Ich wähle verschiedene Armreifen aus, meinem Mann gefällt ein geflochtenes Lederarmband und ein Buchzeichen. Am Schluss entscheiden wir uns für zehn Gegenstände. Der Häuptlingssohn schreibt mit einem staubigen Holzstöckchen auf seine dunkle Haus, wie die Preisverhandlung vonstatten geht: Es wird 4x geboten, er startet bei einer Preisvorstellung von 120 Dollar! Wir staunen! Mein Mann beginnt mit einem möglichst tiefen Angebot von 25 Dollar - jetzt staunt der Massai. Nach vier Durchgängen des Handelns treffen sich die zwei Männer bei 70 Dollar. Ich finde das immer noch weit zu viel für die paar Chräleli-Armreifli. Aber es ist ja auch für einen guten Zweck und das zählt dann doch mehr, als unser wirtschaftlicher Verstand. Zum Schluss besuchen wir noch das kleine Schulhaus etwas ausserhalb des Dorfes. In einem Raum werden ca. 40 Kinder im Alter von 4-8 Jahren in Englisch, Mathe, Hygiene und Kiswahili unterrichtet. Der Lehrer ist einer der Brüder unseres Gastgebers. Hier sind alle seine Brüder, scheint mir. Auch der Lehrer bittet um eine Unterstützung in Dollar. Wir werden langsam etwas skeptisch und sind froh, dass wir nun am Schluss der Tour angekommen sind. Falls das Geld wirklich für die Massai-Gemeinschaft und deren Überleben in dieser trockenen Landschaft eingesetzt wird, sind wir noch so froh, hier angehalten und fast unser ganzes Bargeld hinterlassen zu haben. Falls nicht, war es trotzdem eine bereichernde Erfahrung.








Zurück in unserem Wagen, geht die Fahrt nur kurz weiter und wir sind am Eingang zum Amboseli Nationalpark. Amboseli bedeutet "Windhose" in Swahili. Tatsächlich ist der Wind ein steter Begleiter durch die Landschaft und wir können mit eigenen Augen einen "Amboseli" sehen, eine turmhohe Säule aus Sandstaub, die sich schnell über das flache Land vorwärtsbewegt. Auf dem Weg zur Lodge unternehmen wir bereits den ersten Game-Drive. Wir begegnen schon sehr vielen Tieren, darunter auch Elefanten, Wasserbüffeln, Gnus, Antilopen und weit entfernten, halb im Sumpf untergetaucht, entdeckien wir sogar ein paar Flusspfderde. Die Tage zuvor hat es nach langer Zeit der Trockenheit endlich wieder einmal geregnet. Die Tierwelt und die Natur atmen auf - und wir sind froh, nicht nur traurige Tiere, die nah am Hunger- und Verdurstungstod sind, auf unserer Tour zu entdecken. Die Elefanten, Büffel und andere Tiere geniessen es offensichtlich, in den flachen Tümpeln zu stehen und die Tiere in der Savanne grasen genüsslich die zarten, grünen Spitzen von Gras.
Tief beglückt freuen wir uns nach der zweieinhalbstündigen ersten Safari auf eine Pause und etwas zu essen. Die Ankunft in der Serena Lodge bietet eine weitere schöne Überraschung: Das Hotel ist toll, wunderschön angelegt und die Zimmer grosszügig, sauber und mit einem Sitzplatz, auf dem die Äffchen herumtollen und der einen Blick auf das Wasserloch bietet, an dem am Abend die Zebras und Gazellen zum Trinken kommen. Wir essen Zmittag und um vier starten wir nochmals zu einer zweiten Fahrt in den Park. Das Licht ist bezaubernd, wir treffen zu unserem grossen Glück auch auf ein Löwenmännchen. Allerdings scheint der Kerl an seiner rechten Vorderpfote verletzt zu sein, jedenfalls hinkt er ein bisschen. Zu unserem grossen Glück bewegt er sich in unsere Richtung. Von ganz nah können wir das edle Tier beobachten, wie es über die Strasse geht und sich dann in einiger Entfernung im Gestrüpp niederlässt und aus unserem Blickfeld entschwindet. Im Nu haben sich unzählige andere Autos mit Touristen an unserem Beobachtungsplatz eingefunden. Die Fahrer sind auch hier gut miteinander vernetzt und lassen einander wissen, wo etwas Interessantes zu sehen ist. Viele Fotos später entfernen sich dann alle Autos wieder voneinander und man hat wieder den Eindruck, die einzigen Besucher des Parks zu sein. Mit einer Grösse von rund 200 Quadratkilometern bietet der Amboseli Nationalpark genug Platz für Mensch und Tier und man kann sich gegenseitig gut aus dem Weg gehen, wenn man sich nicht sehen (lassen) möchte.
Den Abend verbringen wir vor dem Abendessen bei einem Drink auf der Hotelterrasse. Das Licht entschwindet in sanften Orangetönen, eine Herde Gazellen grast auf dem Rasen unterhalb des Sitzplatzes, ein paar Zebras kommen zum Wasserloch und wir entdecken sogar einen Nilpferdrücken im Wasser! Grosse Vögel lassen sich auf den hohen Bäumen nieder und das alles scheint mir ein einziger Traum aus dem Paradies zu sein!